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Einordnung

Klinische und persönliche Recovery

Klinische Recovery fragt eher nach Symptomen und Funktionsniveau; persönliche Recovery fragt nach einem selbstbestimmten, sinnvollen Leben.

350 Recovery klinische vs persoenliche Genesung

Tabelle 1. Merkmale klinischer und persönlicher Genesung Die Gegenüberstellung zeigt die wesentlichen Merkmale der beiden Genesungsmodelle, wie sie im Wesentlichen auch von Slade (2009, S. 35–43) beschrieben werden. Eigene Darstellung basierend auf Watson et al. (2014, S. 534, Tabelle 1). Übersetzung: Joel Roerick.


Das Verständnis von Genesung bei psychiatrischen Diagnosen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Dabei haben sich, wie in Tabelle 1 dargestellt, zwei gegensätzliche Konzepte herausgebildet: klinische Genesung (clinical recovery) und individuelle Genesung (personal recovery).

Klinische Genesung bezieht sich auf die Kriterien herkömmlicher psychiatrischer Diagnostik und meint einen objektiv beschreibbaren Endzustand, der sich über Symptomremission definiert: Haben Symptome nachgelassen oder sind sie gar nicht mehr vorhanden und sind Betroffene in ein „normales“ Leben zurückgekehrt, so gelten sie als klinisch genesen (Slade, 2009, S. 35). Welche Kriterien letztlich eine angestrebte Normalität im Sinne klinischer Genesung festlegen, das erscheint jedoch diskussionswürdig (Ralph & Corrigan, 2005, S. 5).

Betroffene äußern vermehrt seit Beginn der 80er Jahre, dass das Modell klinischer Genesung nicht ihre eigene Wirklichkeit reflektiert. Sie propagieren alternativ ein individuelles Verständnis von Genesung (Anthony, 1993, S. 15), das unter dem Begriff personal recovery (individuelle Genesung, persönliches Recovery oder einfach nur „Recovery“) bekannt wurde und sich als Gegenstück zur klinischen Genesung versteht.

Dieses neue Verständnis von indivdueller Genesung bzw. Recovery basiert auf Erzählungen und Erfahrungen von Betroffenen, die als „austherapiert“ und „chronisch psychisch krank“ gelten (Knuf, 2020, S. 12) und die Erfahrung machen, dass sie trotz schwerwiegender psychiatrischer Diagnosen ein zufriedenes Leben führen können (Onken et al., 2007, S. 9).

Anthony, W. A. (1993). Recovery from mental illness: The guiding vision of the mental health service system in the 1990s. Psychosocial Rehabilitation Journal, 16(4), 11–23. https://doi.org/10.1037/h0095655

Knuf, A. (2020). Recovery und Empowerment (Neuausgabe). Psychiatrie Verlag.

Onken, S. J., Craig, C. M., Ridgway, P., Ralph, R. O., & Cook, J. A. (2007). An analysis of the definitions and elements of recovery: A review of the literature. Psychiatric Rehabilitation Journal, 31(1), 9–22. https://doi.org/10.2975/31.1.2007.9.22

Ralph, R. O., & Corrigan, P. W. (2005). Recovery in mental illness: Broadening our understanding of wellness. American Psychological Association.

Slade, M. (2009). Personal recovery and mental illness: A guide for mental health professionals (1. publ). Cambridge University Press.

Watson, S., Thorburn, K., Everett, M., & Fisher, K. R. (2014). Care without coercion—Mental health  rights, personal recovery  and trauma-informed care. Australian Journal of Social Issues, 49(4), 529–549.

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