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Theorie

Recovery-Modellbildungen

Recovery-Modellbildungen ordnen verschiedene theoretische Wege, persönliche Recovery als Prozess zu beschreiben.

Die frühen Recovery-Modelle sind aus Narrativen der Betroffenenbewegung heraus entstanden. Exemplarisch dafür steht das Recovery-Konzept von Deegan, das in seiner Phasen- und Prozesslogik Parallelen zum therapieübergreifenden Transtheoretischen Modell von Prochaska und DiClemente aufweist.

Beides sind viel zitierte frühe Modelle der Recovery-Bewegung, die noch bis heute den Diskurs grundlegend prägen.

In den folgenden Jahrzehnten wurde der Recovery-Ansatz zunehmend empirisch fundiert: Slade (2009) systematisierte persönliche Genesung erstmals in einem theoretischen Framework, Leamy et al. (2011) entwickelten darauf aufbauend das Conceptual Framework for Personal Recovery in Mental Health, und eine Vielzahl weiterer Forschender hat das Framework seitdem in unterschiedlichsten Kontexten adaptiert, validiert und erweitert (Bird, Leamy, Tew, et al., 2014; Hare-Duke et al., 2023; Lases et al., 2024; Senneseth et al., 2022; Stuart et al., 2017; Winsper et al., 2020).

Recovery-Modell nach Deegan

Patricia Deegan wurde bereits in jungen Jahren mit Schizophrenie diagnostiziert und hat sich sowohl als Betroffene als auch später als klinische Psychologin mit der Frage nach Genesung bei psychiatrischen Diagnosen auseinandergesetzt (Deegan, 1988, S. 11–12). Sie gilt als eine der ersten Vertreter:innen eines Ansatzes, der später als „Recovery-Modell“ oder „Recovery-Ansatz“ bekannt wurde (Stuart et al., 2017, S. 291).

Recovery ist für Deegan weniger ein Ziel oder Endprodukt als vielmehr „ein Prozess, ein Lebensstil, eine Haltung und ein Weg, die täglichen Herausforderungen anzupacken“ (Deegan, 1988, S. 15).

Deegans Beschreibungen lassen sich inhaltlich als Prozess mit aufeinanderfolgenden Phasen darstellen (siehe Abbildung 1): Sie beschreibt am Anfang des Recovery-Prozesses das Erleben einer „dunklen Nacht der Verzweiflung“ (Deegan, 1988, S. 13, eigene Übersetzung), in die „ein kleiner, zerbrechlicher Funke Hoffnung“ (Deegan, 1988, S. 14, eigene Übersetzung) kommt.

Hoffnung beschreibt sie als Wendepunkt und Auslöser für einen langfristigen und häufig durch Rückschläge geprägten Veränderungsprozess. Betroffene transformieren in dessen Verlauf ein anfängliches Gefühl lähmender Verzweiflung in eine selbstbewusste und selbstbestimmte Wahrnehmung ihres Leidens.

Dabei stellen neben Hoffnung auch der eigene Wille und selbstverantwortliches Handeln wesentliche Eckpunkte dar (Deegan, 1988, S. 14–15).

Als zentral beschreibt Deegan die vielfach von Betroffenen beschriebene Erfahrung, dass das soziale Umfeld sie selbst an Tiefpunkten nicht aufgibt (Deegan, 1988, S. 14).

Besondere Vorbildfunktion und Expertise für Betroffene haben, wie es dann auch grundlegend für den Recovery-Ansatz werden soll, andere Menschen mit Behinderungen (Deegan, 1988, S. 17).


350 Recovery Modell Deegan

Abbildung 1. Recovery-Modell nach Deegan Basierend auf Deegan (1988). Darstellung und Übersetzung: Joel Roerick.


Dieses frühe Konzept von Recovery bleibt nicht ohne Kritik: Aufgrund mangelnder Zielgruppen- und Zieldefinitionen wirkt es vage und es besteht die Gefahr, dass durch Vereinnahmung des Ansatzes durch das Gesundheits- und Sozialsystem die Betroffenenperspektive verloren geht (Stuart et al., 2017, S. 291).

Transtheoretisches Modell

Seit den 1980er Jahren entstehen zahlreiche Stufenmodelle von Recovery, die in der Regel auf ein transtheoretisches Veränderungsmodell, das sog. „Transtheoretische Modell“ von Prochaska und DiClemente (1982), zurückgeführt werden (Slade & Wallace, 2017, S. 26).

Das Transtheoretische Modell (siehe Abbildung 2) arbeitet universelle Schritte von Veränderung heraus, die von konkreten therapeutischen Ansätzen unabhängig sind und sowohl bei Betroffenen beobachtbar sind, die therapeutisch begleitet werden, als auch bei Menschen, die Veränderungen aus sich heraus bewirken (Prochaska & DiClemente, 1982, S. 276).

Dabei werden vier Veränderungsprozesse beschrieben: das Nachdenken über Veränderung, das Entwickeln einer Veränderungsabsicht, die aktive Verhaltensänderung und das Aufrechterhalten der Veränderung. Diesen Prozessen fügen Prochaska und DiClemente noch drei weitere Elemente hinzu: Vorüberlegungen und Prozessbeendigung (Termination) sowie das „Drehtürprinzip“, in dem aufgrund von Rückschlägen der Prozess von vorn beginnt (Prochaska & DiClemente, 1982, S. 282–284).

Prochaska und DiClemente unterscheiden „gedankliche“ (verbal) und „verhaltensorientierte“ (behavioural) Prozesse von Veränderung. Die „gedanklichen“ Prozesse finden in Worten und nicht in Handlungen statt: sich der Notwendigkeit einer Veränderung bewusst werden, eine Handlungsabsicht entwickeln und konkrete Schritte der Veränderung planen. Die „verhaltensorientierten“ Prozesse stehen für konkrete Handlungen zum Bewirken und Aufrechterhalten von Veränderungen (Prochaska & DiClemente, 1982, S. 285).


350 Recovery Transtheoretisches Modell
_Abbildung 2. Transtheoretisches Modell_ Basierend auf Prochaska und DiClemente (1982, S. 282). Darstellung und Übersetzung: Joel Roerick.

Das Transtheoretische Modell zeigt, dass der Veränderungsprozess gewissermaßen unsichtbar und in der Regel lange vor wahrnehmbaren Verhaltensänderungen beginnt und in der Regel auch durch verlangsamte Phasen und Rückschritte geprägt ist. Dieses Wissen ist für Betroffene und Helfer:innen wichtig, um Stillstand und Rückschläge als einen wesentlichen und wichtigen Teil des Veränderungsprozesses zu verstehen. So können Betroffene in Phasen mit kaum oder gar nicht sichtbaren Entwicklungen differenziert unterstützt, Veränderungsdruck kann vermieden und einem Gefühl von Versagen entgegengearbeitet werden (Knuf, 2020, S. 19; Slade, 2009, S. 80–81).

Stufenmodelle würde ich als empirisch fundierte Orientierungshilfen im prozesshaften und individuellen Verständnis von Recovery verstehen, nicht jedoch als stringente, regelhafte und allgemeingültige Beschreibungen von Recovery. Die empirische Erforschung und evidenzbasierte Weiterentwicklung von Stufenmodellen in späteren Recovery-Modellen (Leamy et al., 2011; Ralph, 2005) kann als Nachweis genommen werden, dass – wenn sie auch nicht eine absolute Wirklichkeit beschreiben oder gar Entwicklungen prognostizieren – sie hilfreiche Werkzeuge sind, um die verschiedenen Phasen auf dem Weg zur Genesung verstehen und reflektieren zu können.

Slades Personal Recovery Framework

Mike Slade hat den Recovery-Ansatz theoretisch weiterentwickelt und empirisch untermauert. In Personal Recovery and Mental Illness (Slade, 2009, S. 77–93) entwickelte er ein Personal Recovery Framework, das Recovery-Prozesse erstmals systematisch modellierte. Slade (2010) argumentierte darüber hinaus, dass psychisches Wohlbefinden und das Fehlen psychischer Erkrankung zwei verschiedene Dimensionen sind – eine Person kann psychisch erkrankt sein und gleichzeitig ein hohes Maß an Wohlbefinden erleben. Daraus folgt, dass Recovery-orientierte Versorgung systematisch auf die Förderung von Wohlbefinden ausgerichtet sein muss, nicht nur auf Symptomreduktion. Slade und Wallace (2017) vertieften diese Verbindung von Recovery und Positiver Psychologie: Die systematische Förderung von Wohlbefinden wird als integraler Bestandteil Recovery-orientierter Versorgung verstanden.

Slades Framework kann als Vorläufer des Conceptual Framework for Personal Recovery in Mental Health (Leamy et al., 2011) betrachtet werden, an dem Slade als Ko-Autor beteiligt war. In Slade und Wallace (2017) wird das Modell von Leamy et al. als das normative Rahmenmodell für persönliches Recovery übernommen – Slades eigenes früheres Framework ist damit historisch bedeutsam, für den aktuellen Fachdiskurs aber durch das empirisch breiter fundierte Conceptual Framework abgelöst.

Conceptual Framework for Personal Recovery in Mental Health

Ausgehend von einer unübersichtlichen Vielzahl an Modellbildungen (Onken et al., 2007, S. 9) haben Leamy et al. (2011) mithilfe einer systematischen Review und narrativen Synthese von 97 eingeschlossenen Publikationen das Conceptual Framework for Personal Recovery in Mental Health entwickelt. Das Framework fasst den aus der Betroffenenbewegung heraus entstandenen Recovery-Ansatz, das Transtheoretische Modell und Slades Personal Recovery Framework in einem umfassenden Rahmen zusammen und soll als theoretische und empirische Basis für zukünftige Forschung und Praxis dienen (Leamy et al., 2011, S. 445–446).

Das Conceptual Framework besteht aus drei komplementären Komponenten: erstens einer Liste von 13 Merkmalen, die beschreiben, wie Betroffene den Recovery-Prozess erleben; zweitens einem auf dem Transtheoretischen Modell basierenden Stufenmodell; und drittens dem CHIME-Framework, das fünf zentrale Genesungsprozesse beschreibt – Connectedness, Hope and Optimism, Identity, Meaning in Life und Empowerment (Leamy et al., 2011, S. 445–451). Das in der Literatur häufig eigenständig rezipierte CHIME-Framework ist im Ursprungspapier eine von drei Komponenten des übergeordneten Conceptual Framework (Hare-Duke et al., 2023, S. 39).


350 Recovery Framework

Abbildung 3. Conceptual Framework for Personal Recovery in Mental Health Hinweis. Eigene Darstellung basierend auf Leamy et al. (2011, S. 448–449, Tabellen 1–3, eigene Übersetzung).


Seitdem ist das Conceptual Framework basierend auf neuen Forschungsergebnissen bestätigt und erweitert worden. Bird, Leamy, Tew, et al. (2014) haben das Framework empirisch validiert. Stuart et al. (2017) schlugen mit „CHIME-D“ eine Erweiterung der CHIME-Komponente um die Dimension difficulties (Schwierigkeiten) vor. Senneseth et al. (2022) untersuchten die Anwendbarkeit im forensisch-psychiatrischen Kontext, Lases et al. (2024) konnten zeigen, dass persönliches Recovery ein diagnoseübergreifendes Konzept ist. Winsper et al. (2020) nutzten das Conceptual Framework als Grundlage für ein komplexeres logisches Modell Recovery-orientierter Interventionen. Die einzelnen Komponenten des Conceptual Framework – Merkmale, Stufenmodell und CHIME-Prozesse – werden in den folgenden Dokumenten ausführlich dargestellt.

Literatur

Bird, V., Leamy, M., Tew, J., Le Boutillier, C., Williams, J., & Slade, M. (2014). Fit for purpose? Validation of a conceptual framework for personal recovery with current mental health consumers. Australian & New Zealand Journal of Psychiatry, 48(7), 644–653. https://doi.org/10.1177/0004867413520046

Deegan, P. E. (1988). Recovery: The lived experience of rehabilitation. Psychosocial Rehabilitation Journal, 11(4), 11–19. https://doi.org/10.1037/h0099565

Hare-Duke, L., Charles, A., Slade, M., Rennick-Egglestone, S., Dys, A., & Bijdevaate, D. (2023). Systematic review and citation content analysis of the CHIME framework for mental health recovery processes: Recommendations for developing influential conceptual frameworks. Journal of Recovery in Mental Health, 6(1), 38–44. https://doi.org/10.33137/jrmh.v6i1.38556

Knuf, A. (2020). Recovery und Empowerment (Neuausgabe). Psychiatrie Verlag.

Lases, M. N., Bruins, J., Scheepers, F. E., Van Sambeek, N., Ng, F., Rennick-Egglestone, S., Slade, M., Van Balkom, I. D. C., & Castelein, S. (2024). Is personal recovery a transdiagnostic concept? Testing the fit of the CHIME framework using narrative experiences. Journal of Mental Health, 1–9. https://doi.org/10.1080/09638237.2024.2361225

Leamy, M., Bird, V., Boutillier, C. L., Williams, J., & Slade, M. (2011). Conceptual framework for personal recovery in mental health: Systematic review and narrative synthesis. British Journal of Psychiatry, 199(6), 445–452. https://doi.org/10.1192/bjp.bp.110.083733

Onken, S. J., Craig, C. M., Ridgway, P., Ralph, R. O., & Cook, J. A. (2007). An analysis of the definitions and elements of recovery: A review of the literature. Psychiatric Rehabilitation Journal, 31(1), 9–22. https://doi.org/10.2975/31.1.2007.9.22

Prochaska, J. O., & DiClemente, C. C. (1982). Transtheoretical therapy: Toward a more integrative model of change. Psychotherapy: Theory, Research & Practice, 19(3), 276–288. https://doi.org/10.1037/h0088437

Ralph, R. O. (2005). Verbal definitions and visual models of recovery: Focus on the Recovery Model. In R. O. Ralph & P. W. Corrigan, Recovery in mental illness: Broadening our understanding of wellness (S. 131–145). American Psychological Association.

Senneseth, M., Pollak, C., Urheim, R., Logan, C., & Palmstierna, T. (2022). Personal recovery and its challenges in forensic mental health: Systematic review and thematic synthesis of the qualitative literature. BJPsych Open, 8(1), e17. https://doi.org/10.1192/bjo.2021.1068

Slade, M. (2009). Personal recovery and mental illness: A guide for mental health professionals (1. publ). Cambridge University Press.

Slade, M. (2010). Mental illness and well-being: The central importance of positive psychology and recovery approaches. BMC Health Services Research, 10(26). https://doi.org/10.1186/1472-6963-10-26

Slade, M., & Wallace, G. (2017). Recovery and mental health. In M. Slade, L. Oades, & A. Jarden (Hrsg.), Wellbeing, Recovery and Mental Health (S. 24–34). Cambridge University Press.

Stuart, S. R., Tansey, L., & Quayle, E. (2017). What we talk about when we talk about recovery: A systematic review and best-fit framework synthesis of qualitative literature. Journal of Mental Health, 26(3), 291–304. https://doi.org/10.1080/09638237.2016.1222056

Winsper, C., Crawford-Docherty, A., Weich, S., Fenton, S.-J., & Singh, S. P. (2020). How do recovery-oriented interventions contribute to personal mental health recovery? A systematic review and logic model. Clinical Psychology Review, 76, 101815. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2020.101815


Autor: Joel Roerick

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