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Theorie · Einordnung

WRAP – theoretische Fundierung und Implementierung in der psychosozialen Versorgung

Die theoretische Fundierung ordnet WRAP als beforschtes, freiwilliges und peer-fazilitiertes Recovery-Planungsinstrument ein.

1. Einleitung und kontextuelle Verortung

Der Wellness Recovery Action Plan (WRAP) ist ein manualisiertes, freiwilliges Selbstmanagement- und Recovery-Planungsinstrument, das in seiner beforschten Form typischerweise als peer-fazilitierte Gruppenintervention umgesetzt wird. WRAP strukturiert individuelles Erfahrungswissen (u. a. „Was hilft mir, wenn es schlechter wird?“) in einen mehrteiligen Plan (u. a. Tagesplan, Auslöser, Frühwarnzeichen, Krisen- und Postkrisenplan). (Cook et al., 2012; Wellness Recovery Action Plan, n. d.).

1.1 Historische Genese (gesichert)

Nach Darstellung von Mary Ellen Copeland basierte die Entwicklung auf einer frühen, nutzer:innenzentrierten Erhebung mit 125 Freiwilligen, die offen berichteten, was ihnen im Alltag bei psychischen Krisen und Belastungen hilft; daraus wurden wiederkehrende Muster und Elemente systematisiert. (Copeland, 2015).

1.2 Medizinisches Modell vs. Recovery-orientierte Selbststeuerung (Einordnung)

WRAP wird in der Literatur und in Programmbeschreibungen häufig als Operationalisierung recovery-orientierter Prinzipien beschrieben, insbesondere durch die Verschiebung von Expertise hin zur Selbstdefinition von Warnzeichen, Bedürfnissen und hilfreichen Maßnahmen (unter Einbezug von Unterstützung). (Wellness Recovery Action Plan, n. d.).

Merkmal Klassisch medizinisch dominierte Logik (Idealtyp) WRAP-Logik (Idealtyp)
Fokus Symptomkontrolle, Behandlung, Risiko Selbstmanagement, Wohlbefinden, Recovery-Ziele
Expertise primär professionell „geteilte“ Expertise, Selbstexpertise zentral
Rolle der Person eher reaktiv/empfangend aktiv planend/steuernd, freiwillig
Krisenverständnis akute Entgleisung planbarer Übergang, mit Vorzeichen und Handlungsoptionen

Hinweis: Die Gegenüberstellung ist eine Konzeptskizze (kein empirischer Befund an sich).

2. Ethisches Fundament: Fünf Schlüsselkonzepte (Key Concepts)

WRAP beschreibt fünf „Key Concepts“, die als Fundament der Planarbeit fungieren: Hope, Personal Responsibility, Education, Self-Advocacy, Support. (Wellness Recovery Action Plan, n. d.).

Kurzfunktion im Prozess:

  • Hope: Recovery als realistische Möglichkeit; motivationale Basis.
  • Personal Responsibility: Selbststeuerung und aktive Mitgestaltung (ohne Alleinverantwortungs-Mythos).
  • Education: informierte Entscheidungen, Gesundheitskompetenz.
  • Self-Advocacy: Bedürfnisse vertreten, Aushandlung im Hilfesystem.
  • Support: Recovery als sozial eingebettet; gezielte Netzwerkbildung.

3. Die Wellness Toolbox (Werkzeugkoffer)

Die Wellness Toolbox ist der Pool an individuell hilfreichen Strategien und Ressourcen, aus dem die späteren Pläne gespeist werden. In WRAP-Programmbeschreibungen ist dieser Schritt zentral, weil er „Handlungsoptionen“ verfügbar macht, bevor Stress/Überlastung die Planung erschwert. (Wellness Recovery Action Plan, n. d.).

Pragmatische Kategorien (ohne biochemische Mechanik-Behauptungen):

  • Alltag & Körper: Schlafrhythmus, Bewegung, Mahlzeiten, Routine
  • Kognitiv/Emotional: Schreiben, Strukturieren, Skills, Achtsamkeit
  • Sozial: Kontakt, Peer-Austausch, Unterstützer:innen aktivieren
  • Sinn & Aktivität: Kreativität, Natur, Rollen/Teilhabe, Flow-Aktivitäten
  • „Was mir nicht guttut“: bewusstes Meiden/Reduzieren bestimmter Belastungen

4. Prozessarchitektur: Die Kernelemente des WRAP

Die im WRAP-Ansatz verbreitete Struktur umfasst (neben der Toolbox) sechs Hauptteile: Daily Plan, Triggers, Early Warning Signs, When Things Are Breaking Down, Crisis Plan, Post-Crisis Plan. (O’Keeffe et al., 2016; Wellness Recovery Action Plan, n. d.).

4.1 Daily Maintenance Plan (Täglicher Plan)

  • „Wie ich bin, wenn es mir gut geht“ (Baseline-Beschreibung)
  • „Must do“ (tägliche Mindesthandlungen zur Stabilität)
  • „Might do“ (optionale/verschiebbare Aufgaben)

4.2 Triggers (Auslöser)

Externe Ereignisse/Umstände, die eine Belastungskaskade anstoßen können. Dazu wird ein Wenn–Dann-Plan entwickelt (Trigger → konkrete Toolbox-Schritte). (Wellness Recovery Action Plan, n. d.).

4.3 Early Warning Signs (Frühwarnzeichen)

Interne, frühe Veränderungen (Denken, Fühlen, Verhalten), die anzeigen, dass „Gegensteuern“ sinnvoll ist. (Wellness Recovery Action Plan, n. d.).

4.4 When Things Are Breaking Down (Wenn es deutlich schlechter wird)

Ein Abschnitt für den Übergangsbereich vor einer Vollkrise: mehr Struktur, weniger Optionen, stärkere Einbindung von Unterstützung und professionellen Kontakten. (Wellness Recovery Action Plan, n. d.).

4.5 Crisis Plan / Advance Planning (Krisenplan)

Der Krisenplan ist dafür gedacht, im Zustand guter Stabilität erstellt zu werden, um in Phasen eingeschränkter Entscheidungsfähigkeit handlungsleitend zu sein (inkl. Rollen von Unterstützer:innen und Präferenzen zu Maßnahmen/Settings). (Wellness Recovery Action Plan, n. d.).

Rechtlicher Hinweis: Ob und wie Teile eines WRAP-Krisenplans als Vorausverfügung wirken, ist jurisdiktionsabhängig und muss lokal geprüft werden.

4.6 Post-Crisis Plan (Postkrisenplan)

Strukturierte Rückkehr in Alltag/Teilhabe (Phasenplan) und Auswertung: Was waren Auslöser/Zeichen? Was muss angepasst werden? (Wellness Recovery Action Plan, n. d.).

5. Evidenzlage: Was sich gesichert sagen lässt

5.1 Randomisierte kontrollierte Studien (RCTs): heterogenes Bild

  • Eine große RCT mit peer-geleitetem WRAP-Gruppenformat (n=519) fand im Vergleich zu „services as usual“ stärkere Reduktionen von Depressions- und Angstsymptomen sowie Verbesserungen in selbstberichteter Recovery (u. a. Subskalen). (Cook et al., 2012).
  • Eine kleinere RCT (n=36) berichtete signifikante Effekte in einzelnen Recovery-Lebensbereichen, jedoch keine signifikanten Effekte auf mehrere zentrale Outcomes (u. a. Gesamtmaße zu Symptomen/Quality of Life/persönlicher Recovery). (O’Keeffe et al., 2016).

Konsequenz für die Formulierung im Bericht: Aussagen wie „WRAP reduziert Symptomlast“ sollten als kontextgebunden formuliert werden (Format, Setting, Stichprobe), nicht als allgemeingültiger Effekt.

5.2 Systematische Übersichten

Ein systematisches Review und Meta-Analyse (bis 2018) fasst die bis dahin verfügbare Evidenz zu Symptom- und Recovery-Outcomes zusammen und ordnet die Studienlage ein. (Canacott et al., 2019). Ein späteres Protokoll kündigt eine PRISMA-konforme systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse an. (Norton & Flynn, 2021).

5.3 „Evidence-based“/Register-Kontext (präzisiert)

WRAP-Materialien berichten, dass WRAP 2010 von SAMHSA als evidence-based practice gelistet war; zugleich wird dort darauf hingewiesen, dass das betreffende Registry nicht mehr verfügbar ist. (Wellness Recovery Action Plan, n. d.). Unabhängig davon ist gesichert, dass NREPP (National Registry of Evidence-based Programs and Practices) im Januar 2018 eingestellt wurde. (Suicide Prevention Resource Center, 2019). Zur Einordnung der NREPP-Suspension/Beendigung und der damit verbundenen Debatten existieren fachliche Kommentierungen. (Green-Hennessy, 2018).

6. Implementierung in der psychosozialen Versorgung: robuste Praxisprinzipien

Auf Basis der Programmbeschreibung und der RCTs ist die stärkste Evidenz an das peer-fazilitierte Gruppenmodell gebunden (typisch: 8–12 Wochen, ca. 2–2,5 Std./Woche, manualisiert, freiwillig). (Cook et al., 2012; Wellness Recovery Action Plan, n. d.).

Praktische Qualitätsmerkmale (ableitbar aus Modellbeschreibung):

  • Freiwilligkeit (keine Pflicht-Pläne, keine Pflicht-Freigabe an Dritte) (Wellness Recovery Action Plan, n. d.).
  • Fidelity zum untersuchten Gruppenmodell, wenn man Wirkannahmen aus der Evidenz ableitet (Wellness Recovery Action Plan, n. d.).
  • Rollenklärung: WRAP ist nicht identisch mit Behandlungsplan, „Sicherheitsvertrag“ oder klinischer Checkliste (Wellness Recovery Action Plan, n. d.).
  • Co-Produktion: Unterstützer:innen sind eingebunden, aber die Person behält Deutungshoheit und Entscheidung über Teilen/Weitergabe. (Wellness Recovery Action Plan, n. d.).

7. Fazit

WRAP ist ein strukturiertes Recovery- und Selbstmanagement-Framework, das Erfahrungswissen in eine klare Prozesslogik überführt (Toolbox → Tagesplan → Trigger/Warnzeichen → Eskalations- und Krisen-/Postkrisenplanung). Seine empirische Basis ist nicht einheitlich, aber es liegen RCT-Befunde mit positiven Effekten in zentralen Bereichen (u. a. Depression/Angst, selbstberichtete Recovery) vor, während andere Studien nur Teilbereiche verbessern oder Nullbefunde berichten. Die evidenzstärkste Form ist das peer-fazilitierte Gruppenmodell; Aussagen über andere Implementationen sollten ausdrücklich als nicht gleichwertig belegt formuliert werden. (Cook et al., 2012; O’Keeffe et al., 2016; Wellness Recovery Action Plan, n. d.).

Literatur (APA 7)

Canacott, L., Brooks, S., Graham, L., & Lovell, K. (2019). Wellness Recovery Action Planning (WRAP) to improve clinical and personal recovery outcomes for adults with mental health difficulties: A systematic review and meta-analysis. Psychiatric Rehabilitation Journal, 42(4), 343–354. https://doi.org/10.1037/prj0000358

Cook, J. A., Copeland, M. E., Floyd, C. B., Jonikas, J. A., Hamilton, M. M., Razzano, L., Carter, T. M., Hudson, W. B., Grey, D. D., & Boyd, S. (2012). A randomized controlled trial of effects of Wellness Recovery Action Planning on depression, anxiety, and recovery. Psychiatric Services, 63(6), 541–547. https://doi.org/10.1176/appi.ps.201100125

Copeland, M. E. (2015, April 13). The WRAP story – Origins and healing. Wellness Recovery Action Plan.

Green-Hennessy, S. (2018). Suspension of the National Registry of Evidence-Based Programs and Practices: The importance of adhering to the evidence. Substance Abuse Treatment, Prevention, and Policy, 13, Article 26. https://doi.org/10.1186/s13011-018-0162-5

Norton, M. J., & Flynn, C. (2021). The evidence base for Wellness Recovery Action Planning (WRAP): A protocol for a systematic literature review and meta-analysis. International Journal of Environmental Research and Public Health, 18(24), 13365. https://doi.org/10.3390/ijerph182413365

O’Keeffe, D., Hickey, D., Lane, A., McCormack, M., Lawlor, E., Kinsella, A., Donoghue, O., & Clarke, M. (2016). Mental illness self-management: A randomised controlled trial of the Wellness Recovery Action Planning intervention for inpatients and outpatients with psychiatric illness. Irish Journal of Psychological Medicine, 33(2), 81–92. https://doi.org/10.1017/ipm.2015.18

Suicide Prevention Resource Center. (2019). Overview of criteria and ratings: National Repository of Evidence-based Programs and Practices (NREPP).

Wellness Recovery Action Plan. (n. d.). The way WRAP works.

Linkliste (entspricht den oben genannten Quellen)

Cook et al. (2012) – PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22508435/ O’Keeffe et al. (2016) – PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30115140/ Canacott et al. (2019) – PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31784026/ Norton & Flynn (2021) – PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34948974/ Copeland (2015): https://www.wellnessrecoveryactionplan.com/the-wrap-story-origins-and-healing/ Wellness Recovery Action Plan (n. d.) – The way WRAP works: https://www.wellnessrecoveryactionplan.com/what-is-wrap/the-way-wrap-works/ SPRC (2019) – NREPP overview: https://sprc.org/resources/overview-of-criteria-and-ratings-national-repository-of-evidence-based-programs-and-practices-nrepp/ Green-Hennessy (2018) – PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29929542/

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