Projektvision

Beziehungen, nicht Adressen.

Stell dir einen Kiez vor, in dem du nicht nur wohnst, sondern erwartet wirst.

Kiezmachen ist eine Idee für die Soziale Arbeit. Im Kern steht Sozialraummoderation: Statt Einzelne zu betreuen oder den Sozialraum zu verwalten, moderieren Kiezmoderator:innen Beziehungs-, Beteiligungs- und Willkommensprozesse im Kiez. So finden Menschen mit psychischen Erkrankungen tragfähige Beziehungen, sinnvolle Rollen und Orte, an denen sie gesehen werden – nicht als Fall, sondern als Mensch.

Sozialraumorientierung verweist oft auf Adressen: Beratungsstellen, Vereine, Cafés. Doch wer dort ankommt, merkt schnell: willkommen ist man hier nicht immer. Kiezmachen dreht die Frage um – nicht nur Menschen gelten als „schwer erreichbar", auch ein Kiez kann schwer erreichbar sein.

Kiezmachen ist zweierlei: ein Umsetzungsprojekt im Kiez und ein Kursprogramm, das zeigt, wie es geht – ein möglicher Modellansatz für die Eingliederungshilfe. Wenn du mitdenken möchtest: Nimm gern Kontakt auf.

Illustration: ein belebter Berliner Kiez mit Späti, offenem Garten und Fernsehturm; im Vordergrund planen vielfältige Menschen – darunter eine Person im Rollstuhl – an einem runden Tisch gemeinsam ihre Zukunft mit dem Recovery-Kompass.

Fortbildung

Lernen auf konsent.training

Auf konsent.training werden die Themen und Methoden von konsent.one zu Fortbildungen, Übungen und strukturierten Lernwegen. Dort findest du die jeweils aktuellen Kursangebote.

Zu konsent.training

Die Leitidee

Beziehungen, nicht Adressen

Ein Kiez wird nicht durch Angebotslisten inklusiv, sondern durch tragfähige, niedrigschwellige, wiederholbare und konfliktfähige Beziehungen. Viele Menschen pflegen längst beständige Kurzkontakte: ein Gruß im Späti, ein vertrauter Imbiss, ein Stammplatz – lang genug, um in Kontakt zu kommen, nicht lang genug, um in Konflikte zu geraten. Kiezmachen nimmt diese Mikro-Kontakte ernst und fragt zuerst: Wo ist schon Beziehung? Wo wird jemand erkannt?

Im Herzen

Recovery

Das Herzstück ist der Recovery-Ansatz. Recovery heißt: auch mit einer psychischen Erkrankung ein gutes, selbstbestimmtes Leben führen zu können – und zwar nicht erst, wenn alle Probleme verschwunden sind. Es geht nicht darum, dass es keine Krisen mehr gibt. Recovery ist echtes Leben, mit Höhen und Tiefen, mit Rückschlägen und neuen Anfängen: wieder Hoffnung spüren, einen Sinn finden, sich selbst neu kennenlernen und mit anderen in Verbindung kommen. Jeder Weg ist dabei so eigen wie der Mensch, der ihn geht.

Die fünf Recovery-Prozesse

Was CHIME mit dem Kiez zu tun hat

Wie wird Recovery konkret? Dafür gibt es ein bekanntes Modell aus der Recovery-Forschung: CHIME. Es benennt fünf Dinge, die Menschen auf ihrem Weg stärken – Verbundenheit, Hoffnung, Identität, Sinn und Selbstwirksamkeit. Kiezmachen übersetzt diese fünf direkt in den Kiez – sie werden zur Prüffrage dafür, ob Teilhabe wirklich gelingt:

  • Verbundenheit wirkt der Vereinsamung entgegen: wiedererkannt werden, eine Ortspat:in kennen, zu einem Unterstützer:innenkreis gehören. Ein tragendes soziales Netz ist ein zentraler Faktor für Wohlbefinden.
  • Hoffnung wächst durch gelingende Erfahrungen: Ich kann wieder in diesen Laden gehen; jemand wartet auf mich; ich kann einen Einwand äußern und mitentscheiden.
  • Identität entsteht, wenn jemand nicht nur als „psychisch krank" gilt, sondern als Nachbar:in, Stammkund:in – und als Helfer:in, etwa als Nachbarschaftshelfer:in für Ältere oder Kranke. Teilgabe statt Teilhabe: nicht nur empfangen, sondern selbst geben und gebraucht werden.
  • Sinn entsteht durch echtes Mitmachen im Kiez – ein kurzes Gespräch im Späti, das Straßenfest, der Fußballclub – wenn Teilhabe subjektiv bedeutsam wird und nicht Beschäftigungstherapie bleibt.
  • Selbstwirksamkeit entsteht, wenn Menschen an Entscheidungen und Konfliktlösungen beteiligt werden – reale Handlungsmacht statt Schlagwort. Moderation trägt entscheidend bei: Konfliktmoderation fängt Konfrontationen im Kiez auf, Sozialraummoderation beugt im Vorfeld vor und baut Vertrauen auf.

Gastfreundschaft

Raum für Andersartigkeit

Kiezmachen übersetzt das niederländische Kwartiermaken in den Berliner Kiez: eine Willkommenskultur, die im Sozialraum Raum für Andersartigkeit schafft. Nicht die betroffene Person allein muss sich verändern – auch die Umgebung. Es geht nicht darum, Menschen passend für den Sozialraum zu machen, sondern Sozialräume aufnahmefähiger für Menschen, die nicht reibungslos passen.

Wer macht den Kiez

Kiezmacher:innen sind alle

Kiezmacher:innen sind alle, die den Kiez machen: Bewohner:innen mit und ohne Behinderung, Vereinsmitglieder, Fachkräfte, Ärzt:innen jeder Art – und die Verkäufer:innen und Bedienungen in Spätis, Imbissen und Tabakläden. Ein Macherkosmos von allen gemeinsam – ohne Diagnose, ohne Etikett.

Wer moderiert

Kiezmoderator:innen

Moderiert wird der Kiez von Kiezmoderator:innen – auch Sozialraummoderator:innen: Fachkräfte, Peers, Angehörige und Freiwillige. Sie betreuen nicht einfach Einzelne und verwalten auch nicht den Sozialraum, sondern moderieren Beziehungs-, Beteiligungs- und Willkommensprozesse. Sie begegnen Menschen auf Augenhöhe und stehen selbst nicht im Mittelpunkt: dort stehen die Menschen, ihre Wünsche und ihre Stärken.

Kiezmoderator:innen sind ausgebildet in dialogischer Entscheidungsfindung, Konfliktbearbeitung und im Umgang mit Krisen – und bilden sich regelmäßig weiter. Den Rahmen dafür bildet ein Zertifikatskurs „Sozialraummoderator:innen".

Die Methode

Sozialraumorientierung – mit allen Facetten

Kiezmachen arbeitet mit Sozialraumorientierung in allen Facetten. Den fachlichen Rahmen geben die Recovery-Prozesse (CHIME). In der Moderation konturiert sich die Methode über dialogische Entscheidungsfindung, Circles (Unterstützer:innenkreise) und die Alltagsbegleitung im Sozialraum.

Der Zukunftsladen kann dabei ein integraler Teil werden – als Hub im Kiez: ein Treffpunkt, ein Ort des Austauschs und Kennenlernens. Das größere Bild ist Kiezmachen.

Gemeinsam entscheiden

dialogische Entscheidungsfindung

Teilhabe darf nicht über die Köpfe hinweg organisiert werden. Mit der dialogischen Entscheidungsfindung treffen wir Vereinbarungen über einen einfachen Dreischritt: Vorschlag, Einwand, Vereinbarung. Ein „Nein" wird nicht gebrochen, sondern als Einwand verstanden – so wird aus einer Spannung ein nächster Schritt, den alle mittragen können.

Mitmachen

Kiezfreund:innen, Ortspat:innen, Unterstützer:innenkreise

Kiezmachen lebt von Menschen vor Ort: Kiezfreund:innen, die informell begleiten; Ortspat:innen als feste Ansprechpersonen in Verein, Garten oder Café; Recovery-Mentor:innen mit eigener Erfahrung. Und Unterstützer:innenkreise, die professionelle und ehrenamtliche Unterstützung an einen Tisch bringen – verbunden mit Persönlicher Zukunftsplanung.

Grundlage

Literatur

Roerick, J. (2026). Kiezmachen. Beziehungen, nicht Adressen: Recovery-orientierte Sozialraummoderation zur Inklusion von Menschen mit psychischen Erkrankungen [Konzeptpapier]. konsent.berlin / figshare. https://doi.org/10.6084/m9.figshare.32969420

Roerick, J. (2025). Zwischen Krise und Kontinuität: Konzeptionelle Überlegungen zum Recovery-Ansatz in der Eingliederungshilfe [Working Paper, Alice-Salomon-Hochschule Berlin]. Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.20424202

Roerick, J. (2024). Beziehungen, nicht Adressen. Moderation von Gemeinschaft im Sozialraum [Working Paper, Alice-Salomon-Hochschule Berlin]. Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.20390741

Ein Kiez für alle

Kiezmachen heißt: einen Kiez so gastfreundlich, konfliktfähig und beziehungsfähig machen, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht nur versorgt, sondern erwartet, gesehen, beteiligt und gebraucht werden.

Wenn du dazu etwas beitragen möchtest: Nimm gern Kontakt auf.

Kontakt

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