Begriff

Alltag

Im Recovery-Kompass ist Alltag nicht bloß das Gegenteil von Krise. Alltag ist das Fundament: Hier zeigt sich, was guttut, was trägt, welche Ressourcen erreichbar sind und welche Routinen eine Person wieder handlungsfähig machen. Darum beginnt der Kompass mit dem Grundsatz „Alltag zuerst“.

Alltag meint dabei nicht Anpassung an Normalität. Gemeint ist ein eigener, lebbarer Alltag: mit Pausen, Beziehungen, sinnvollen Tätigkeiten, Schutzfaktoren und der Möglichkeit, früh wahrzunehmen, wenn aus Belastung Spannung wird.

Fachlicher Hintergrund

In einer qualitativen Interviewstudie berichten Betroffene, dass ihnen in Krisen alltägliche Fertigkeiten und Routinen verloren gehen — oft weit über die Krise hinaus (Borg et al., 2011, S. 5-7). Umgekehrt stärken schlichte Alltagsaktivitäten Hoffnung: Die Entwicklung von Routinen im Alltag und realistische Zielsetzungen gehören zu den von Betroffenen beschriebenen Hoffnungsquellen (Schrank et al., 2012, S. 560; siehe Zwischen Krise und Kontinuität). Der Grundsatz „Alltag zuerst“ macht daraus den Ausgangspunkt des Recovery-Kompasses; methodisch ausgearbeitet ist das in den methodischen Grundlagen des Recovery-Kompasses.

Literatur

Borg, M., Karlsson, B., Lofthus, A.-M., & Davidson, L. (2011). „Hitting the wall“: Lived experiences of mental health crises. International Journal of Qualitative Studies on Health and Well-Being, 6(4), 7197. https://doi.org/10.3402/qhw.v6i4.7197

Schrank, B., Bird, V., Rudnick, A., & Slade, M. (2012). Determinants, self-management strategies and interventions for hope in people with mental disorders: Systematic search and narrative review. Social Science & Medicine, 74(4), 554–564. https://doi.org/10.1016/j.socscimed.2011.11.008