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Der Multilog (niederländisch: Multiloog) ist ein moderiertes Gesprächsformat, in dem über psychiatrische Erfahrungen gesprochen wird — bewusst nicht medikalisierend und nicht psychologisierend, sondern im gleichberechtigten Dialog aller Beteiligten (Kal, 2022, S. 116).
Entwickelt wurde das Konzept vom niederländischen Psychologen Heinz Mölders in seinem INCA-Projektbüro im Rahmen des Kommunikationsprojekts Compro, inspiriert unter anderem von den deutschen Psychoseseminaren. 1997 gründete Mölders zusammen mit dem Amsterdamer Präventionsmitarbeiter Kees Onderwater in Amsterdam zwei Multiloggruppen: eine geschlossene Gruppe mit festen Teilnehmenden und eine offene Gruppe mit wechselnden Teilnehmenden (Kal, 2022, S. 116). Im Rahmen des Kwartiermakens wurden seit 1998 in Zoetermeer Multilogtreffen organisiert (Kal, 2022, S. 116).
Wer nimmt teil?
Anders als in Psychoseseminaren ist der Teilnehmendenkreis bewusst breiter: Patient:innen bzw. Psychiatrieerfahrene, Angehörige und Freund:innen, Profis — und andere, die durch ihre Arbeit, ihr Privatleben oder ihre Umgebung mit Menschen mit Psychiatrieerfahrung in Berührung kommen, etwa Polizist:innen, Mitarbeitende von Wohnungsverwaltungen, Sozialarbeiter:innen, Kirchenmitarbeiter:innen oder Lehrer:innen. Diese Erweiterung der Zielgruppen über die Psychoseseminare hinaus ist für die Vergesellschaftlichung der Psychiatrie von grundlegender Bedeutung (Kal, 2022, S. 116).
Abgrenzung zum Trialog
Der Multilog ist mit dem Trialog verwandt, aber nicht identisch. Der Trialog — zu Hause in den Psychoseseminaren — bringt drei Gruppen ins Gespräch: Betroffene, Angehörige und Fachkräfte. Der Multilog erweitert diesen Kreis bewusst um weitere gesellschaftliche Gruppen (Polizei, Wohnungsverwaltung, Kirche, Schule, Nachbarschaft); genau diese Erweiterung begründet Kal als grundlegend für die Vergesellschaftlichung (Kal, 2022, S. 116). Daher „multi“ statt „tri“.
Wie funktioniert es?
Das leitende Prinzip ist der gleichberechtigte Dialog: Jede:r bringt eigene Interessen mit, aber alle sprechen auf gleichberechtigter Grundlage (Kal, 2022, S. 116 f.). Auch die Fachkraft leitet das Treffen nicht — sie ist nicht „the person in charge“, sondern bringt lediglich eine Sichtweise unter anderen ein (Dierinck, 2023, S. 133). Psychiatrieerfahrene nehmen eine zentrale Rolle ein, sind aber nicht die Einzigen, die ihre Erfahrungen einbringen: Jede:r kann eigene Erfahrungen mit der Psychiatrie und alle Fragen dazu vortragen (Kal, 2022, S. 117).
Ziel ist, mittels des Austausches besser zu verstehen, was psychisch krank bedeutet und was z. B. Menschen mit einer Psychose brauchen — und wie Betroffene und die anderen auf offene und ehrliche Weise miteinander in Kontakt kommen und bleiben können (Kal, 2022, S. 116 f.).
Wirkung
Durch die Erfahrungen anderer — Betroffener wie Nicht-Betroffener — bringen Menschen, die bisher etwa ihren psychotischen Partner, ihre „verrückte“ Kundin oder ihren „kauzigen“ Mieter nicht verstanden haben, mehr Verständnis auf; das führt zu „mehr Klarheit und Toleranz gegenüber dem ›Anderssein‹ des anderen“ (Kal, 2022, S. 117). Kal beschreibt außerdem (zitiert nach Dierinck, 2023, S. 133), dass Erzählende im Multilog einen freien Raum bekommen, in dem sie — oft zum ersten Mal — ihre Geschichte erzählen und dem Monolog entkommen können, in dem sie gefangen waren (Kal, 2001, S. 95).
Dierinck berichtet aus der flämischen Praxis von Multilog-Treffen in mehreren Städten mit hoher Diversität der Teilnehmenden (Betroffene, Angehörige, Buddys, Gemeinwesenarbeiter:innen u. a.): Die meisten Teilnehmenden erleben die Treffen als sehr positiv; Schwarzmalerei und Selbststigmatisierung lässt sich begegnen, und es entsteht mehr Verständnis und sozialer Raum für Menschen mit psychischen Erkrankungen und ihre Familien (Dierinck, 2023, S. 133 f.). Dierinck verweist als Originalquelle auf Mölders et al. (2017, S. 81–102).
Bedeutung für Kiezmachen
Im Kiezmachen gehören Multilog-Gruppen zu den kollektiven Formaten (neben Kiezgesprächen und Nachbarschaftshotline): Sie bringen Betroffene, Angehörige, Nachbar:innen, Fachkräfte und Peers in einen gemeinsamen Reflexionsraum und bearbeiten Stigma konkret, statt abstrakte Anti-Stigma-Kampagne zu bleiben.
Verwandte Notizen
Quellen
Dierinck, P. (2023). Community-based mental healthcare for psychosis: From homelessness to recovery and continued in-home support. Routledge. (S. 133–134)
Kal, D. (2022). Gastfreundschaft. Das niederländische Konzept Kwartiermaken. Psychiatrie Verlag. (Kap. 4.5, S. 116 ff.)
