Kurzform
Sozialraum meint die Beziehungen, Orte, Wege, Netzwerke und Möglichkeiten, die Alltag und Teilhabe prägen.
Literaturgestützte Definition
Sozialraum ist kein bloßes Gebiet und keine neutrale Fläche. Er entsteht im Zusammenspiel von physischen Orten, sozialen Beziehungen, materiellen Bedingungen, Deutungen, Machtverhältnissen, Gewohnheiten und Handlungsmöglichkeiten. Kessl und Reutlinger bestimmen Sozialraum als ein „ständig (re)produzierte[s] Gewebe sozialer Praktiken“ und betonen damit, dass Raum weder nur Territorium noch nur soziale Konstruktion ist, sondern beides zugleich: baulich-territoriale Ordnung und sozial-gesellschaftlicher Zusammenhang (Kessl & Reutlinger, 2022, S. 3, 7, 12, 28 f.).
Für die Soziale Arbeit ist Sozialraum deshalb der lokale und zugleich relationale Lebenszusammenhang, in dem Menschen ihren Alltag bewältigen, Beziehungen knüpfen, Ressourcen nutzen, Barrieren erleben und Teilhabemöglichkeiten gewinnen oder verlieren. Röh und Meins fassen Sozialraumorientierung entsprechend als Einbezug der natürlichen, kulturellen, strukturellen und sozialen Umgebung in personenzentrierte Unterstützung und als Gestaltung von Beziehungen, lokalen Prozessen und Strukturen (Röh & Meins, 2021, S. 13). Sie halten an einem relationalen Sozialraumverständnis fest: Sozialraum ist menschlicher Handlungsraum, der Ressourcen und Barrieren enthält, die für Teilhabe genutzt bzw. abgebaut werden müssen (Röh & Meins, 2021, S. 41, 46, 79).
Boettner schärft diesen Punkt lebensweltlich: Adressat:innen Sozialer Arbeit sind keine isolierten Einzelwesen, sondern leben in sozialen, symbolischen und materiellen Milieus. Sozialraumorientierung meint daher allgemein eine Ausrichtung Sozialer Arbeit auf den lokalen Lebenszusammenhang, dessen Ressourcen, Netzwerke, Alltagskompetenzen, Partizipationsinteressen und selbstinitiierte Problemlösungen sichtbar gemacht werden sollen (Boettner, 2009, S. 260 f.). Zugleich warnt Boettner davor, Sozialraum nur als Wohngebiet oder Problemgebiet zu behandeln: Entscheidend ist, wie der soziale Raum in der Sicht der dort lebenden Menschen erscheint und ob sozialräumliche Arbeit Räume öffnet oder Menschen in begrenzten lokalen Milieus festschreibt (Boettner, 2009, S. 271 f., 284).
Früchtel und Budde ergänzen die Netzwerkperspektive: Professionelle Hilfe darf den Fall nicht vom Feld trennen, weil Unterstützung aus verschiedenen Sektoren der Lebenswelt kommen kann, etwa Familie, Freundeskreis, Nachbarschaft, Vereine, Arbeit, Kirchengemeinde, Initiativen und öffentliche Infrastruktur (Früchtel & Budde, 2006, S. 201). Netzwerke nennen sie das „organische Gewebe des sozialen Raums“; sie verbinden soziale Einheiten, schließen sie aber auch gegeneinander ab und prägen so, ob ein Raum als weit oder eng, vertraut oder fremd erlebt wird (Früchtel & Budde, 2006, S. 204).
Dörner spitzt dies für Nachbarschaft zu: Sein dritter Sozialraum liegt zwischen privatem und öffentlichem Sozialraum. Er ist ein überschaubarer „Wir-Raum“, in dem Menschen als Nachbar:innen territorial füreinander sichtbar und verantwortlich werden, ohne dass Hilfe nur familiär oder professionell organisiert sein muss (Dörner, 2007, S. 92 f.). Für Dörner ist der dritte Sozialraum damit auch ein Ort asymmetrischer Gegenseitigkeit, bürgerschaftlicher Solidarität, Lebensraum und kleinste Einheit demokratischer Selbstverwaltung (Dörner, 2007, S. 93 f., 96).
Ausführlich
Sozialraum meint nicht nur ein geografisches Gebiet. Dazu gehören Beziehungen, Treffpunkte, Einrichtungen, Wege, Netzwerke, Regeln, Zugehörigkeiten, Barrieren und Möglichkeiten, die Alltag und Teilhabe prägen. Ein Sozialraum kann als Stadtteil, Nachbarschaft, Einrichtung, Netzwerk, Aktionsraum oder Bedeutungsraum sichtbar werden. Er ist immer zugleich materiell und sozial: Menschen bewegen sich an konkreten Orten, aber diese Orte bekommen ihre Bedeutung erst durch Nutzung, Beziehung, Erinnerung, Ausschluss, Macht, Zugang und Beteiligung.
Für dEf und Recovery-orientierte Sozialraumarbeit ist besonders wichtig: Sozialraum ist nicht die Liste der Angebote im Bezirk. Entscheidend ist, ob Menschen dort tatsächlich vorkommen, willkommen sind, Beziehungen aufbauen können, Handlungsspielräume gewinnen und Barrieren abgebaut werden.
Belege aus der Literatur
Sozialraum als relationales Gewebe sozialer Praktiken: Kessl & Reutlinger, 2022, S. 3, 7, 12, 28 f.
Sozialraum als menschlicher Handlungsraum mit Ressourcen und Barrieren für Teilhabe: Röh & Meins, 2021, S. 41, 46, 79.
Sozialraumorientierung als Einbezug und Gestaltung natürlicher, kultureller, struktureller und sozialer Umgebung: Röh & Meins, 2021, S. 13.
Sozialraumorientierung als Ausrichtung auf den lokalen Lebenszusammenhang, seine Ressourcen und Netzwerke: Boettner, 2009, S. 260 f.
Lebensweltlicher Blick: Wie erscheint der soziale Raum aus Sicht der Menschen, die ihn bewohnen? Boettner, 2009, S. 271 f.
Ressourcen- und Netzwerkperspektive: Früchtel & Budde, 2006, S. 201, 204.
Nachbarschaft als dritter Sozialraum zwischen Privatheit und Öffentlichkeit: Dörner, 2007, S. 92-96.
Literatur
Boettner, J. (2009). Sozialraumanalyse - soziale Räume vermessen, erkunden, verstehen. In B. Michel-Schwartze (Hrsg.), Methodenbuch Soziale Arbeit. Basiswissen für die Praxis (S. 260-291). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Dörner, K. (2007). Leben und sterben, wo ich hingehöre: Dritter Sozialraum und neues Hilfesystem. Neumünster: Paranus.
Früchtel, F., & Budde, W. (2006). Wie funktioniert fallunspezifische Ressourcenarbeit? Sozialraumorientierung auf der Ebene von Netzwerken. In W. Budde, F. Früchtel & W. Hinte (Hrsg.), Sozialraumorientierung. Wege zu einer veränderten Praxis (S. 201-218). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Kessl, F., & Reutlinger, C. (Hrsg.). (2022). Sozialraum: Eine elementare Einführung. Wiesbaden: Springer VS.
Röh, D., & Meins, A. (2021). Sozialraumorientierung: Wege zu einer veränderten Praxis. München: Ernst Reinhardt Verlag.
