Worum es geht
Kiezmachen setzt dort an, wo Sozialraumorientierung bei Angebotslisten stehen bleibt. Beratungsstellen, Tagesstätten, Vereine oder Gruppen können vorhanden sein und trotzdem praktisch unzugänglich bleiben. Entscheidend ist deshalb nicht nur: Welche Angebote gibt es? Sondern: Wo wird eine Person erwartet? Wer erkennt sie wieder? Wer hält Irritationen aus? Wer bleibt ansprechbar, wenn etwas nicht glatt läuft?
Der Begriff ist eine berlinerische Übersetzung und Weiterentwicklung von Kwartiermaken. Inhaltlich geht Kiezmachen eigene Wege: Der Kiez wird als Beziehungs-, Konflikt-, Schutz- und Möglichkeitsraum verstanden. Menschen sollen nicht passend gemacht werden, sondern der Sozialraum soll beziehungsfähiger, konfliktfähiger und gastfreundlicher werden.
Methodische Logik
Kiezmachen beginnt mit vorhandenen Beziehungskeimen: kurze Kontakte im Imbiss, im Laden, im Park, in der Nachbarschaft, bei Vereinen oder an wiederkehrenden Orten. Aus solchen Kontakten können geschützte, wiederholbare und entwicklungsfähige Beziehungen entstehen.
Die professionelle Rolle ist die Sozialraum-Moderation. Sie verwaltet nicht einzelne Klient:innen und managt nicht den Sozialraum von oben. Sie moderiert Beziehungs-, Beteiligungs- und Willkommensprozesse und verbindet Recovery, CHIME, Resilienz, PERMA, Persönliche Zukunftsplanung, dialogische Entscheidungsfindung und den Zukunftsladen.
Fachlicher Hintergrund
Kiezmachen adaptiert das niederländische Kwartiermaken: Dessen Schlüsselrolle ist der Kwartiermaker als „Wegbereiter, Kampagnenleiter und Netzwerkentwickler“ (Görres & Zechert, 2009, S. 135 f.; Kal, 2022, S. 18), der mit Freiwilligen gastfreundliche Räume öffnet. Das Willkommensnetz entsteht über One-to-Ones — kurze, gezielte Einzelgespräche zum Aufbau eines Netzwerks von Schlüsselpersonen (Früchtel & Budde, 2006, S. 214) — sowie über Freund:innen-Projekte und feste Ansprechpersonen in Vereinen (Dierinck, 2023; Kal, 2022; siehe Beziehungen, nicht Adressen und Kiezmachen).
Literatur
Dierinck, P. (2023). Community-Based Mental Healthcare for Psychosis: From Homelessness to Recovery and Continued In-home Support. Routledge.
Früchtel, F., & Budde, W. (2006). Wie funktioniert fallunspezifische Ressourcenarbeit? Sozialraumorientierung auf der Ebene von Netzwerken. In W. Budde, F. Früchtel & W. Hinte (Hrsg.), Sozialraumorientierung. Wege zu einer veränderten Praxis (S. 201–218). VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Görres, B., & Zechert, C. (2009). Der dritte Sozialraum als Handlungsort gemeindepsychiatrischer Organisationen. Psychiatrie Verlag.
Kal, D. (2022). Gastfreundschaft. Das niederländische Konzept Kwartiermaken. Psychiatrie Verlag.
