Die Übung
Nimm dir einen kurzen Moment Zeit und richte deine Aufmerksamkeit auf dich selbst. Du musst dabei nichts Bestimmtes fühlen. Wiederhole langsam diese vier Wünsche:
Möge ich sicher sein.
Möge ich gesund sein.
Möge ich glücklich sein.
Möge ich mit Leichtigkeit leben.
Nimm wahr, was dabei auftaucht. Wenn deine Gedanken abschweifen, kannst du einfach wieder zu den Sätzen zurückkehren. Zum Abschluss kannst du dich fragen: Welcher dieser Wünsche ist heute für mich besonders wichtig?
Die Übung dauert in dieser Form zwei bis fünf Minuten. Sie braucht kein Material, keinen besonderen Ort und keine Vorkenntnisse. Wenn freundliche Wünsche für dich selbst schwer sind, kannst du klein anfangen oder zuerst einer anderen Person Gutes wünschen.
Einordnung
Mettā (Pali: liebende Güte, Freundlichkeit) gehört zu den ältesten Übungen der buddhistischen Tradition. In der modernen, säkularen Achtsamkeitspraxis wird sie als Loving-Kindness-Meditation gelehrt, unter anderem in der frei zugänglichen Fassung des Greater Good Science Center der University of California, Berkeley. Auch im MBSR-Programm gehört die liebende Güte zum Übungsrepertoire (Greater Good in Action, o. J.; Kabat-Zinn, 2013; Nhat Hanh, 2007).
Mettā ist keine Technik, um Gefühle zu erzeugen. Die Wünsche werden gesprochen, nicht erzwungen. Worum es geht, ist eine Haltung: sich selbst in schwierigen Momenten so freundlich zu begegnen, wie man einem nahestehenden Menschen begegnen würde.
Praxis in der Sozialen Arbeit
Viele Menschen mit psychiatrischen Diagnosen kennen Selbststigma, Beschämungserfahrungen und einen harten Blick auf sich selbst. Freundliche Wünsche für sich selbst können eine andere Richtung eröffnen: Selbstmitgefühl und Selbstfürsorge. Im CHIME-Rahmen berührt Mettā besonders Verbundenheit, Hoffnung und eine freundlichere Identität jenseits der Diagnose.
Für Fachkräfte kann die kurze Form in Lücken des Arbeitstags passen: vor einem schwierigen Gespräch, nach einer belastenden Situation oder am Ende des Tages. Empathie und Mitgefühl sind dabei nicht dasselbe. Mitgefühl verbindet die Wahrnehmung von Leid mit Wärme, Freundlichkeit und dem Impuls, gut für sich und andere zu sorgen (Singer & Bolz, 2013).
Grenzen
Freiwilligkeit ist Bedingung. Bei manchen Menschen lösen freundliche Worte an die eigene Person zunächst Widerstand, Traurigkeit oder alte Schmerzen aus. Dann braucht es einen kleinen Schritt, einen sicheren Rahmen und jederzeit die Möglichkeit, auszusteigen. Die Übung ersetzt keine psychotherapeutische Behandlung.
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Literatur
Cheng, D. Y. T., Young, D. K. W., Carlbring, P., Ng, P. Y. N. & Hung, S. S. L. (2023). Facilitating personal recovery through mindfulness-based intervention among people with mental illness. Research on Social Work Practice, 33(8), 827–848. https://doi.org/10.1177/10497315221137137
Cheng, Y. T. D., Young, K. W. D., Carlbring, P., Ng, Y. N. & Hung, S. L. S. (2024). A pilot randomized controlled trial among people recovering from mental illness: A tailored mindfulness-based intervention versus relaxation training. Journal of Evidence-Based Social Work, 21(3), 318–348. https://doi.org/10.1080/26408066.2023.2281418
Fredrickson, B. L., Cohn, M. A., Coffey, K. A., Pek, J. & Finkel, S. M. (2008). Open hearts build lives: Positive emotions, induced through loving-kindness meditation, build consequential personal resources. Journal of Personality and Social Psychology, 95(5), 1045–1062. https://doi.org/10.1037/a0013262
Greater Good in Action. (o. J.). Loving-kindness meditation. Greater Good Science Center, University of California, Berkeley. https://ggia.berkeley.edu/practice/loving_kindness_meditation
Kabat-Zinn, J. (2013). Full catastrophe living: Using the wisdom of your body and mind to face stress, pain, and illness (2. Aufl.). Bantam Books.
Nhat Hanh, T. (2007). Teachings on love (rev. Aufl.). Parallax Press.
Singer, T. & Bolz, M. (Hrsg.). (2013). Mitgefühl. In Alltag und Forschung. Max-Planck-Gesellschaft. http://www.compassion-training.org
