Begriff
Eigensinn
Eigensinn bedeutet: Ein Mensch hat eigene Gründe und eine eigene Art zu leben. Auch hinter einem Nein kann etwas Wichtiges stehen.
Widerstand verstehen
Eine Person lehnt etwas ab oder macht nicht mit. Das ist nicht automatisch eine Störung. Es bedeutet auch nicht immer, dass die Person jede Zusammenarbeit verweigert.
Hinter einem Nein können eigene Wünsche, Sorgen oder schlechte Erfahrungen stehen. Vielleicht wurde ein Bedürfnis noch nicht erkannt. Vielleicht verfolgt die Person ein anderes Ziel. In der Fachsprache wird das Nichtbefolgen einer Empfehlung manchmal „Noncompliance“ genannt. Dieser Begriff allein erklärt aber noch nicht die Gründe.
Ein Nein ernst nehmen und genauer prüfen
In den Texten zu dialogischer Entscheidungsfindung und Recovery wird Eigensinn ernst genommen. Recovery meint dabei den eigenen Weg zu einem guten Leben nach oder mit einer seelischen Krise.
Eigensinn ernst zu nehmen heißt nicht, jedes Nein ungeprüft für richtig zu halten. Nicht jedes Nein ist schon ein begründeter Einwand, der einen Vorschlag untragbar macht.
Es ist aber ein Anlass nachzufragen: Was steckt in der Ablehnung? Kann daraus ein verständlicher Einwand werden? Oder lässt sich daraus ein neuer Vorschlag entwickeln, an dem gemeinsam gearbeitet werden kann?
Dazugehören, ohne sich zuerst anpassen zu müssen
Teilhabe darf nicht davon abhängen, dass ein Mensch seine Besonderheiten aufgibt. Menschen sollen in ihrem Lebensumfeld mitwirken können, auch wenn sie anders denken oder leben.
Der Ansatz Kwartiermaken nennt das einen „Raum für Andersartigkeit“. Gemeint ist ein Umfeld, in dem Unterschiede Platz haben. Der Text Beziehungen, nicht Adressen beschreibt diesen Zusammenhang.
Bücher und Quellen
Kal, D. (2016). Raum für Andersartigkeit. Das niederländische Konzept Kwartiermaken und sein philosophischer Hintergrund. sozialpsychiatrische informationen, 46(2), 45–50.
Kal, D. (2022). Gastfreundschaft. Das niederländische Konzept Kwartiermaken. Psychiatrie Verlag.
Seckinger, M., & Neumann, O. (2019). Sozial- und Gemeindepsychiatrie als sozialraumbezogenes Handlungsfeld. In F. Kessl & C. Reutlinger (Hrsg.), Handbuch Sozialraum. Grundlagen für den Bildungs- und Sozialbereich (2. Aufl., S. 519–537). Springer VS.
