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Einordnung

Klinische und persönliche Recovery

Genesung kann weniger Beschwerden bedeuten. Persönliche Recovery fragt außerdem, wie ein Mensch ein gutes und selbstbestimmtes Leben führen kann.

Zwei Sichtweisen auf Genesung

Das Verständnis von Genesung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Heute werden häufig zwei Sichtweisen unterschieden: klinische Genesung und persönliche Recovery. Die englischen Begriffe lauten clinical recovery und personal recovery.

Die beiden Sichtweisen stellen unterschiedliche Fragen. Sie schließen einander aber nicht aus.

Klinische Genesung

Die klinische Sicht geht von psychiatrischen Diagnosen aus. Sie fragt vor allem, ob Beschwerden nachlassen oder ganz verschwinden. Fachleute sprechen dafür auch von Symptomremission.

Klinische Genesung gilt hier als ein beschreibbares Ergebnis der Behandlung. Die Person soll in ein Leben zurückkehren, das als „normal“ gilt. Was dabei genau „normal“ bedeutet und wer das festlegt, ist jedoch eine offene Streitfrage.

Diese Sicht wird vor allem durch berufliches Fachwissen geleitet. Fachkräfte beurteilen, ob jemand genesen ist. Der Schwerpunkt liegt darauf, Beschwerden und Einschränkungen zu verringern. Eine neue Krise wird in dieser Gegenüberstellung eher als Rückfall oder als Scheitern einer Entwicklung betrachtet.

Persönliche Recovery

Seit den frühen 1980er-Jahren erklärten betroffene Menschen häufiger: Die klinische Sicht beschreibt unser Leben nicht ausreichend. Daraus entwickelte sich ein persönliches Verständnis von Genesung.

Es beruht auf Erzählungen und Erfahrungen von Menschen mit schweren psychiatrischen Diagnosen. Manche galten als „austherapiert“. Damit war gemeint, dass Fachleute keine weiteren hilfreichen Behandlungsmöglichkeiten sahen. Andere wurden als dauerhaft psychisch krank bezeichnet. Trotzdem machten diese Menschen die Erfahrung, dass sie ein zufriedenes Leben führen konnten.

Persönliche Recovery betrachtet Genesung als einen Weg der eigenen Entwicklung. Das Wissen aus gelebter Erfahrung zählt dabei ebenso wie Fachwissen. Im Mittelpunkt stehen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Die betroffene Person selbst beurteilt, was Genesung für sie bedeutet.

Klinische und persoenliche Recovery

Merkmale klinischer und persönlicher Genesung. Eigene Darstellung und Übersetzung nach Watson et al. (2014, S. 534, Tabelle 1). Die Unterschiede beschreibt auch Slade (2009, S. 35–43).

Was die Gegenüberstellung zeigt

Die Grafik vergleicht sechs Punkte. Sie stellt typische Blickrichtungen gegenüber:

  • Krankheitsbild oder Lebenserfahrung: Die klinische Seite beginnt bei einer psychischen Störung. Die persönliche Seite versteht eine tiefe Lebenskrise auch als eine menschliche Erfahrung, die Anerkennung verdient und Bedeutung haben kann.
  • Wissen: Auf der klinischen Seite steht professionelles Wissen im Vordergrund. Die persönliche Seite bezieht gelebte Erfahrung ausdrücklich mit ein.
  • Ergebnis oder Weg: Klinische Genesung wird als Behandlungsergebnis betrachtet. Persönliche Recovery ist ein Prozess persönlicher Entwicklung.
  • Ziel: Klinische Genesung verringert Beschwerden und Einschränkungen. Persönliche Recovery stärkt Fähigkeiten und Möglichkeiten.
  • Bewertung: In der klinischen Sicht beurteilen Fachleute die Genesung. Bei persönlicher Recovery beurteilt die Person ihren eigenen Weg.
  • Krise: Die klinische Sicht deutet sie eher als Rückfall. Die persönliche Sicht lässt zu, dass eine Krise auch Raum für Entwicklung sein kann.

Die Darstellung beruht auf Watson und seinem Forschungsteam von 2014. Die grundlegenden Unterschiede beschreibt auch Slade 2009. Entscheidend ist: Ein gutes Leben kann auch dann entstehen, wenn Beschwerden nicht vollständig verschwinden.

Bücher und Quellen

Anthony, W. A. (1993). Recovery from mental illness: The guiding vision of the mental health service system in the 1990s. Psychosocial Rehabilitation Journal, 16(4), 11-23. https://doi.org/10.1037/h0095655

Knuf, A. (2020). Recovery und Empowerment (Neuausgabe). Psychiatrie Verlag.

Onken, S. J., Craig, C. M., Ridgway, P., Ralph, R. O. & Cook, J. A. (2007). An analysis of the definitions and elements of recovery: A review of the literature. Psychiatric Rehabilitation Journal, 31(1), 9-22. https://doi.org/10.2975/31.1.2007.9.22

Ralph, R. O. & Corrigan, P. W. (Hrsg.). (2005). Recovery in mental illness: Broadening our understanding of wellness. American Psychological Association.

Slade, M. (2009). Personal recovery and mental illness: A guide for mental health professionals. Cambridge University Press.

Watson, S., Thorburn, K., Everett, M. & Fisher, K. R. (2014). Care without coercion: Mental health rights, personal recovery and trauma-informed care. Australian Journal of Social Issues, 49(4), 529-549.