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Theorie

Recovery-Modellbildungen

Es gibt verschiedene Modelle für persönliche Recovery. Sie beschreiben, wie Menschen nach einer psychischen Krise neue Wege zu einem guten Leben finden können.

Warum es verschiedene Modelle gibt

Die ersten Recovery-Modelle entstanden aus Erzählungen betroffener Menschen. Die Betroffenenbewegung stellte eine wichtige Frage: Was bedeutet Genesung aus unserer eigenen Sicht?

Ein frühes Beispiel sind die Beschreibungen von Patricia Deegan. Sie haben Ähnlichkeiten mit einem anderen Ansatz: dem Transtheoretischen Modell von Prochaska und DiClemente. Dieses Modell untersucht, wie Menschen sich verändern. Beide Ansätze prägen das Verständnis von Recovery bis heute.

Später wurden die Modelle stärker durch Forschung geprüft und weiterentwickelt. Mike Slade ordnete persönliche Recovery 2009 in einem umfassenden Rahmen. Leamy und ihr Forschungsteam entwickelten 2011 einen weiteren Rahmen. Zahlreiche Untersuchungen haben ihn seither in verschiedenen Lebens- und Hilfesituationen geprüft und ergänzt.

Patricia Deegans eigener Ausgangspunkt

Patricia Deegan erhielt schon als junge Frau die Diagnose Schizophrenie. Sie beschäftigte sich als betroffene Person mit Genesung. Später tat sie dies auch als klinische Psychologin. Sie gehört zu den frühen Vertreterinnen des Recovery-Ansatzes.

Recovery ist für sie kein fertiges Ergebnis. Es ist ein Prozess, eine Lebensweise und eine Haltung. Dazu gehört, wie ein Mensch die täglichen Herausforderungen angeht.

Von Verzweiflung zu Hoffnung

Deegan beschreibt am Anfang tiefe Verzweiflung. Darin kann ein kleiner und zunächst zerbrechlicher Funke Hoffnung entstehen. Hoffnung kann einen Wendepunkt auslösen.

Danach beginnt häufig eine lange Veränderung. Rückschläge gehören dazu. Nach und nach kann sich das lähmende Gefühl der Verzweiflung verändern. Die Person nimmt ihr Leiden bewusster wahr und geht selbstbestimmter damit um.

Neben Hoffnung sind der eigene Wille und selbstverantwortliches Handeln wichtig. Menschen brauchen aber auch ein Umfeld, das sie selbst an einem Tiefpunkt nicht aufgibt. Andere Menschen mit Behinderungen können dabei besonders wichtige Vorbilder sein. Sie bringen Wissen aus eigener Erfahrung mit.

Die zugehörige Grafik zeigt diesen Weg mit Wendepunkt, Veränderung und Rückschlag. Sie veranschaulicht: Der Weg verläuft nicht einfach geradeaus.

Recovery-Modell nach Deegan

Abbildung 1: Recovery-Modell nach Deegan. Eigene Darstellung und Übersetzung nach Deegan (1988).

Grenzen des frühen Modells

Deegans Beschreibung bleibt teilweise offen. Die angesprochenen Personengruppen und die Ziele sind nicht überall genau bestimmt. Dadurch kann das Modell vage wirken.

Es gibt außerdem ein Risiko: Gesundheits- und Sozialsysteme können den Begriff Recovery übernehmen, ohne die Sicht betroffener Menschen zu bewahren. Dann geht gerade der Ausgangspunkt des Ansatzes verloren.

Das Transtheoretische Modell

Prochaska und DiClemente beschrieben 1982 ein allgemeines Modell von Veränderung. „Transtheoretisch“ bedeutet hier: Es ist nicht an eine bestimmte Therapierichtung gebunden.

Die beschriebenen Schritte zeigen sich bei Menschen mit therapeutischer Begleitung. Sie können auch bei Menschen auftreten, die ohne Therapie Veränderungen beginnen. Seit den 1980er-Jahren greifen viele Recovery-Stufenmodelle diese Gedanken auf.

Der Ausgangstext nennt vier Veränderungsstufen:

  • Über eine Veränderung nachdenken.
  • Eine Absicht zur Veränderung entwickeln.
  • Das eigene Verhalten aktiv verändern.
  • Die Veränderung aufrechterhalten.

Dazu kommen Vorüberlegungen und eine mögliche Beendigung des Veränderungsprozesses. Ein weiteres Bild ist das Drehtürprinzip: Nach einem Rückschlag beginnt jemand den Weg oder Teile davon erneut.

Transtheoretisches Modell

Abbildung 2: Transtheoretisches Modell. Eigene Darstellung und Übersetzung nach Prochaska und DiClemente (1982, S. 282).

Gedankliche und sichtbare Veränderungen

Das Modell unterscheidet gedankliche und verhaltensbezogene Prozesse. Gedankliche Veränderungen geschehen zunächst in Worten und Überlegungen. Eine Person erkennt einen Veränderungsbedarf, entwickelt eine Absicht oder plant Schritte.

Verhaltensbezogene Prozesse sind konkrete Handlungen. Jemand setzt die Veränderung um oder tut etwas, damit sie bestehen bleibt.

Damit kann ein wichtiger Teil der Entwicklung von außen unsichtbar sein. Ein Mensch beginnt möglicherweise lange vor einer sichtbaren Handlung, sich mit Veränderung zu beschäftigen.

Was Stufenmodelle in der Begleitung leisten

Verlangsamte Phasen und Rückschritte können zum Veränderungsprozess gehören. Wer das weiß, muss scheinbaren Stillstand nicht sofort als Scheitern bewerten. Fachkräfte können genauer unterstützen und unnötigen Veränderungsdruck vermeiden.

Stufenmodelle sind dabei Orientierungshilfen, die durch Forschung gestützt und weiterentwickelt wurden. Sie sind keine festen Regeln für jedes Leben. Sie beschreiben nicht vollständig, wie Recovery immer verläuft. Sie können auch nicht zuverlässig vorhersagen, wann eine bestimmte Person den nächsten Schritt macht.

Ihr Nutzen liegt darin, unterschiedliche Phasen zu verstehen und über sie nachzudenken. Jede Person bleibt mit ihrem eigenen Weg im Mittelpunkt.

Mike Slades Rahmen für persönliche Recovery

Slade entwickelte 2009 sein Personal Recovery Framework. Framework bedeutet hier ein geordneter Rahmen, mit dem sich wichtige Zusammenhänge beschreiben lassen.

2010 betonte Slade außerdem: Psychisches Wohlbefinden und psychische Erkrankung sind zwei verschiedene Dimensionen. Eine Person kann eine psychische Erkrankung haben und zugleich viel Wohlbefinden erleben.

Deshalb soll recovery-orientierte Unterstützung gezielt ein gutes Leben fördern. Beschwerden zu verringern reicht als einziges Ziel nicht aus. Slade und Wallace vertieften 2017 diese Verbindung zur Positiven Psychologie. Wohlbefinden gehört für sie fest zu einer recovery-orientierten Versorgung.

Slades früherer Rahmen ist auch ein Vorläufer des Modells von Leamy und ihrem Team aus dem Jahr 2011. Slade war daran beteiligt. Slade und Wallace nutzen 2017 diesen breiter durch Forschung gestützten Rahmen als Orientierung. Das ältere Modell bleibt damit historisch wichtig, während der neuere Rahmen für die weitere Fachdiskussion zentral wurde.

Der umfassende Rahmen von Leamy und ihrem Team

Es gab viele unterschiedliche Recovery-Modelle. Leamy und ihr Team wollten diese 2011 systematisch zusammenführen. Dafür werteten sie 97 Veröffentlichungen aus und fassten die darin beschriebenen Inhalte zusammen.

Der englische Name lautet Conceptual Framework for Personal Recovery in Mental Health. Gemeint ist ein gemeinsamer theoretischer Rahmen für persönliche Recovery im Bereich psychischer Gesundheit.

Er verbindet Gedanken aus der Betroffenenbewegung, aus dem Transtheoretischen Modell und aus Slades Ansatz. Er soll Forschung und Praxis eine gemeinsame Grundlage geben.

Drei Teile ergänzen einander

Der Rahmen besteht aus drei Teilen:

  • 13 Merkmale beschreiben, wie Menschen ihren Recovery-Weg erleben.
  • Ein Stufenmodell beschreibt mögliche Phasen. Es beruht auf dem Transtheoretischen Modell.
  • CHIME beschreibt fünf wichtige Prozesse: Verbundenheit, Hoffnung und Zuversicht, Identität, Sinn im Leben sowie Selbstbestimmung und Handlungsmacht.

CHIME wird oft allein dargestellt. Im ursprünglichen Modell ist es aber nur einer dieser drei Teile. Die Merkmale und die Stufen gehören ebenfalls dazu.

Conceptual Framework for Personal Recovery in Mental Health

Abbildung 3: Konzeptioneller Rahmen für persönliche Recovery. Eigene Darstellung und Übersetzung nach Leamy et al. (2011, S. 448–449, Tabellen 1–3).

Spätere Prüfungen und Erweiterungen

Mehrere Forschungsteams haben den Rahmen geprüft und weiterentwickelt:

  • Bird und ihr Team prüften 2014, ob der Rahmen zu den Erfahrungen aktueller Nutzerinnen und Nutzer von Hilfen passt. Die Untersuchung stützte ihn.
  • Stuart und ihr Team schlugen 2017 CHIME-D vor. Das zusätzliche D steht für difficulties, also Schwierigkeiten. Belastende Erfahrungen sollen dadurch stärker berücksichtigt werden.
  • Senneseth und ihr Team untersuchten 2022 die Anwendbarkeit in der forensischen Psychiatrie. Dort geht es um psychiatrische Behandlung im Zusammenhang mit Straftaten.
  • Lases und ihr Team zeigten 2024, dass persönliche Recovery über einzelne Diagnosen hinaus beschrieben werden kann.
  • Winsper und ihr Team nutzten den Rahmen 2020 für ein genaueres Modell dazu, wie recovery-orientierte Unterstützung wirken kann.

Die Merkmale, die Stufen und die CHIME-Prozesse werden in weiteren Zetteln einzeln erklärt.

Bücher und Quellen

Bird, V., Leamy, M., Tew, J., Le Boutillier, C., Williams, J., & Slade, M. (2014). Fit for purpose? Validation of a conceptual framework for personal recovery with current mental health consumers. Australian & New Zealand Journal of Psychiatry, 48(7), 644–653. https://doi.org/10.1177/0004867413520046

Deegan, P. E. (1988). Recovery: The lived experience of rehabilitation. Psychosocial Rehabilitation Journal, 11(4), 11–19. https://doi.org/10.1037/h0099565

Hare-Duke, L., Charles, A., Slade, M., Rennick-Egglestone, S., Dys, A., & Bijdevaate, D. (2023). Systematic review and citation content analysis of the CHIME framework for mental health recovery processes: Recommendations for developing influential conceptual frameworks. Journal of Recovery in Mental Health, 6(1), 38–44. https://doi.org/10.33137/jrmh.v6i1.38556

Knuf, A. (2020). Recovery und Empowerment (Neuausgabe). Psychiatrie Verlag.

Lases, M. N., Bruins, J., Scheepers, F. E., Van Sambeek, N., Ng, F., Rennick-Egglestone, S., Slade, M., Van Balkom, I. D. C., & Castelein, S. (2024). Is personal recovery a transdiagnostic concept? Testing the fit of the CHIME framework using narrative experiences. Journal of Mental Health, 1–9. https://doi.org/10.1080/09638237.2024.2361225

Leamy, M., Bird, V., Le Boutillier, C., Williams, J., & Slade, M. (2011). Conceptual framework for personal recovery in mental health: Systematic review and narrative synthesis. British Journal of Psychiatry, 199(6), 445–452. https://doi.org/10.1192/bjp.bp.110.083733

Onken, S. J., Craig, C. M., Ridgway, P., Ralph, R. O., & Cook, J. A. (2007). An analysis of the definitions and elements of recovery: A review of the literature. Psychiatric Rehabilitation Journal, 31(1), 9–22. https://doi.org/10.2975/31.1.2007.9.22

Prochaska, J. O., & DiClemente, C. C. (1982). Transtheoretical therapy: Toward a more integrative model of change. Psychotherapy: Theory, Research & Practice, 19(3), 276–288. https://doi.org/10.1037/h0088437

Ralph, R. O. (2005). Verbal definitions and visual models of recovery: Focus on the Recovery Model. In R. O. Ralph & P. W. Corrigan, Recovery in mental illness: Broadening our understanding of wellness (S. 131–145). American Psychological Association.

Senneseth, M., Pollak, C., Urheim, R., Logan, C., & Palmstierna, T. (2022). Personal recovery and its challenges in forensic mental health: Systematic review and thematic synthesis of the qualitative literature. BJPsych Open, 8(1), e17. https://doi.org/10.1192/bjo.2021.1068

Slade, M. (2009). Personal recovery and mental illness: A guide for mental health professionals. Cambridge University Press.

Slade, M. (2010). Mental illness and well-being: The central importance of positive psychology and recovery approaches. BMC Health Services Research, 10(26). https://doi.org/10.1186/1472-6963-10-26

Slade, M., & Wallace, G. (2017). Recovery and mental health. In M. Slade, L. Oades, & A. Jarden (Hrsg.), Wellbeing, Recovery and Mental Health (S. 24–34). Cambridge University Press.

Stuart, S. R., Tansey, L., & Quayle, E. (2017). What we talk about when we talk about recovery: A systematic review and best-fit framework synthesis of qualitative literature. Journal of Mental Health, 26(3), 291–304. https://doi.org/10.1080/09638237.2016.1222056

Winsper, C., Crawford-Docherty, A., Weich, S., Fenton, S.-J., & Singh, S. P. (2020). How do recovery-oriented interventions contribute to personal mental health recovery? A systematic review and logic model. Clinical Psychology Review, 76, 101815. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2020.101815