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Theorie

Schutzfaktoren nach Rutter

Michael Rutter fragt genau, was einen Menschen vor einer bestimmten Belastung schützt. Schutz entsteht für ihn durch das Zusammenspiel von Person, Unterstützung und Lebensbedingungen.

Warum Rutter auf Prozesse schaut

Dieser Zettel vertieft die zweite Säule des Recovery-Kompasses: Resilienz. Damit ist der Umgang mit Belastungen und Risiken gemeint.

Michael Rutter lenkte den Blick 1987 weg von festen Listen guter Eigenschaften. Er fragte stattdessen: Welche Vorgänge schwächen die Folgen einer konkreten Belastung ab?

Dabei unterscheidet er zwei Dinge. Manche Faktoren sind allgemein hilfreich. Er nennt sie Ressourcen oder fördernde Faktoren. Ein Schutzfaktor im engeren Sinn muss dagegen zeigen, dass er ein bestimmtes Risiko abschwächt.

Für die Eingliederungshilfe heißt das: Wir fragen nicht nur, was allgemein gut für Menschen ist. Wir fragen, was dieser Person in dieser Situation gegen diese Belastung hilft.

Erster Prozess: Die Wirkung eines Risikos verringern

Eine Belastung muss nicht vollständig verschwinden, damit Schutz möglich ist. Vorbereitung, Begleitung oder veränderte Bedingungen können ihre Wirkung abschwächen.

Ein Beispiel: Eine Frau mit einer Angststörung muss zu einer Behörde. Der Termin könnte sie überfordern und eine Krise verschärfen. Eine Fachkraft erklärt vorher den Ablauf und begleitet sie. Gemeinsam vereinbaren sie ein Zeichen für eine Pause. Die Frau erlebt den Termin weiterhin. Die Belastung wird aber besser bewältigbar.

Hinweise auf diesen Schutzprozess sind:

  • Belastende Situationen werden vorbereitet, geordnet oder begleitet.
  • Die Person erlebt weniger Stress als in ähnlichen früheren Situationen.
  • Unterstützung setzt ein, bevor sich eine Krise stark verschärft.

Zweiter Prozess: Eine Kette weiterer Probleme unterbrechen

Aus einem Problem können weitere Probleme entstehen. Schutz kann verhindern, dass diese Kette immer länger wird.

Ein Beispiel: Ein Mann verliert seinen Werkstattplatz. Darauf könnten Rückzug, fehlende Tagesstruktur, mehr Alkohol- oder Drogenkonsum und Mietschulden folgen. Eine Fachkraft reagiert früh. Sie sucht mit ihm andere Möglichkeiten für den Tag und unterstützt den Kontakt zu seinem sozialen Umfeld. So kann die Kette unterbrochen werden.

Hinweise darauf sind:

  • Nach einem Verlust wird nicht automatisch noch vieles andere schlechter.
  • Bei erkennbaren Folgerisiken setzt Hilfe früh ein.
  • Die Person oder ihr Umfeld erkennt und benennt typische Muster einer Verschlechterung.

Dritter Prozess: Selbstwert und eigene Wirkung stärken

Ein Mensch braucht das Gefühl, als Person wertvoll zu sein. Er braucht auch Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Rutter nennt dafür zwei wichtige Wege: verlässliche unterstützende Beziehungen und das erfolgreiche Bewältigen einer Aufgabe.

Besonders wichtig ist die eigene Erfahrung: Ich habe durch mein Handeln etwas geschafft. Fachleute nennen dies eine Mastery-Erfahrung.

Ein Beispiel: Ein Mann mit Schizophrenie hat nach vielen Jahren in stationären Einrichtungen wenig Zutrauen in sich. Gemeinsam mit einer Fachkraft sucht er eine Aufgabe, die ihm etwas bedeutet und die erreichbar ist. Er könnte ein Essen für eine Gruppenaktivität vorbereiten. Danach nehmen beide wahr, was ihm gelungen ist. Es geht nicht um Lob von oben, sondern darum, seine tatsächlichen Fähigkeiten anzuerkennen.

Hinweise auf diesen Schutzprozess sind:

  • Die Person traut sich Aufgaben zu, die sie vorher vermieden hat.
  • Sie spricht häufiger anerkennend und seltener abwertend über sich.
  • Sie nennt eigene Stärken oder Erfolge von sich aus.
  • Es gibt mindestens eine verlässliche Beziehung, die sie als hilfreich erlebt.

Vierter Prozess: Neue Chancen eröffnen

Manchmal entsteht Schutz dadurch, dass sich neue Wege öffnen. Dazu können Beziehungen, Bildung, Arbeit oder eine sinnvolle Rolle gehören. Dann verändert sich nicht nur die Person. Auch ihre Umgebung wird zugänglicher.

Ein Beispiel: Eine Frau mit einer bipolaren Störung hat wegen wiederholter Klinikaufenthalte keinen Schulabschluss. Eine Fachkraft sucht mit ihr nach Möglichkeiten, einen Abschluss nachzuholen, und begleitet die Bewerbung. Bildung kann neue berufliche Wege und neue soziale Kontakte ermöglichen. Diese können wiederum Schutz bieten.

Hinweise darauf sind:

  • Neue Rollen, Kontakte oder Zugänge entstehen, zum Beispiel in Arbeit, Bildung, Ehrenamt oder Nachbarschaft.
  • Die Person nutzt Gelegenheiten außerhalb ihres bisherigen Alltags.
  • Hindernisse in Einrichtungen und ihren Regeln werden bearbeitet. Es wird nicht nur an persönlichen Fähigkeiten gearbeitet.

Die vier Prozesse sind keine starren Schubladen. Sie können zusammenwirken.

Wendepunkte verdienen besondere Aufmerksamkeit

Bei einem Übergang können sich Risiken und Schutz neu zusammensetzen. Rutter nennt solche Momente Wendepunkte. Sie können das Leben in eine günstigere oder ungünstigere Richtung verändern.

Beispiele sind ein Wechsel der Wohnform, der Beginn einer Beschäftigung sowie der Anfang oder das Ende einer Beziehung. In der Eingliederungshilfe gehören auch der Wechsel von stationärer zu ambulanter Hilfe, eine neue Tagesstruktur oder Veränderungen im sozialen Netz dazu.

Solche Übergänge bringen Chancen mit sich. Gleichzeitig kann die Person besonders verletzlich sein. Eine aufmerksame Begleitung kann helfen, den Übergang günstig zu gestalten.

Bewältigbare Belastungen können stärken

Rutter beschreibt in späteren Arbeiten von 2006 und 2012 den Steeling Effect. Gemeint ist: Eine mäßige und bewältigbare Belastung kann unter bestimmten Bedingungen Widerstandskraft stärken. Entscheidend ist, dass die Person die Herausforderung bewältigt und dabei die eigene Wirkung erlebt.

Daraus folgt keine Erlaubnis, Menschen absichtlich unter Stress zu setzen. Der Gedanke erklärt vielmehr, warum übermäßige Schonung nicht immer schützt.

Fachkräfte müssen deshalb abwägen: Wo droht Überforderung? Wo kann eine Person mit passender Unterstützung eine gute Bewältigungserfahrung machen? Nicht jede Belastung schadet. Nicht jede Entlastung hilft. Die Aufgabe und die Unterstützung müssen zur Person passen.

Resilienz ist keine feste Eigenschaft

Rutter versteht Resilienz als relative Widerstandskraft gegenüber Risiken aus der Umgebung. Dazu gehört auch, Stress und schwierige Lebensbedingungen zu überwinden.

Vier Punkte sind wichtig:

  • Resilienz ist relativ: Jemand kann in einem Lebensbereich gut mit Belastungen umgehen und in einem anderen nicht.
  • Sie hängt von der Situation ab: Dieselbe Person kann zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich widerstandsfähig sein.
  • Sie entwickelt sich: Person und Umgebung beeinflussen sich über längere Zeit gegenseitig.
  • Sie setzt ein Risiko voraus: Erst wenn ein nachweisbares Risiko besteht, spricht Rutter von Resilienz. Eine gute Entwicklung ohne solches Risiko reicht für diesen Begriff nicht aus.

Resilienz ist deshalb nicht einfach eine Frage des Willens. Eine Liste guter Eigenschaften erklärt sie ebenfalls nicht ausreichend.

Wie sich Förderung und Schutz unterscheiden

Ein fördernder Faktor hängt allgemein mit besseren Ergebnissen zusammen. Das gilt auch dann, wenn das Risiko gering ist. Fachleute sprechen von einem Haupteffekt.

Ein Schutzfaktor im engeren Sinn schwächt dagegen die Wirkung eines konkreten Risikos ab. Sein günstiger Einfluss ist bei hoher Belastung stärker als bei geringer Belastung. Fachleute nennen das einen Moderations- oder Interaktionseffekt.

Soziale Unterstützung kann beides sein. Sie kann allgemein guttun. Bei hoher Belastung kann sie zusätzlich deren schädliche Wirkung abfedern.

Die genaue Frage lautet daher: Wogegen schützt dieser Faktor, und unter welchen Bedingungen?

Fragen für die Hilfeplanung

Rutters Ansatz lässt sich mit vier Fragen im Alltag nutzen:

  • Wie können wir eine bevorstehende Belastung durch Vorbereitung, Begleitung oder einen klaren Ablauf abfedern?
  • Wo droht aus einem Problem eine Kette weiterer Probleme zu werden? Welche frühe Hilfe kann sie unterbrechen?
  • Wo kann die Person selbst etwas bewältigen und ihre Fähigkeiten erleben? Gibt es mindestens eine verlässliche und anerkennende Beziehung?
  • Welche Türen können wir zu Bildung, Arbeit, sinnvollen Aufgaben oder Gemeinschaft öffnen?

Zusätzlich braucht es Aufmerksamkeit für Übergänge. Bewältigbare Herausforderungen sollen mit angemessener Unterstützung möglich sein. Auch Regeln, Einrichtungen und Lebensbedingungen müssen betrachtet und gegebenenfalls verändert werden.

Bücher und Quellen

Rutter, M. (1987). Psychosocial resilience and protective mechanisms. American Journal of Orthopsychiatry, 57(3), 316–331. https://doi.org/10.1111/j.1939-0025.1987.tb03541.x

Rutter, M. (2006). Implications of Resilience Concepts for Scientific Understanding. Annals of the New York Academy of Sciences, 1094(1), 1–12. https://doi.org/10.1196/annals.1376.002

Rutter, M. (2012). Resilience as a dynamic concept. Development and Psychopathology, 24(2), 335–344. https://doi.org/10.1017/S0954579412000028