Methode
Widerstandsabfrage
Bei der Widerstandsabfrage zeigen Menschen, wie schwer sie mit einem Vorschlag leben können. So sucht die Gruppe eine tragfähige Lösung mit möglichst wenig Widerstand.
Widerstand sichtbar machen
Die Gruppe fragt nicht zuerst, welcher Vorschlag die meisten begeisterten Stimmen bekommt. Sie sucht den Vorschlag mit dem geringsten Widerstand.
Dafür müssen nicht alle ausdrücklich zustimmen. Auch muss nicht die Mehrheit überzeugt werden. Entscheidend ist, dass keine schwerwiegenden Einwände offenbleiben.
Das unterscheidet die Methode von einer Mehrheitsabstimmung und von einem klassischen Konsens. Gesucht wird ein tragfähiger Konsent: eine Lösung, mit der alle gut leben können. Sie muss nicht für jede Person ideal sein.
Drei Handzeichen
Die Handzeichen zeigen, ob und wie stark jemand einen Einwand hat:
- Keine Geste oder eine Faust: Zustimmung oder kein Einwand. Das zählt 0 Punkte.
- Eine Hand: leichte bis mittlere Ablehnung. Das zählt 1 Punkt.
- Beide Hände: deutliche Ablehnung. Das zählt 2 Punkte.
Es geht also um Widerstand, der ernst genommen werden soll.
Der Ablauf
Sobald ein Vorschlag vorliegt, zeigen alle gleichzeitig ihr Handzeichen.
Dann werden die Punkte addiert. Gibt es mehrere Vorschläge, hat der Vorschlag mit der niedrigsten Punktzahl den geringsten Widerstand. Er gilt in diesem Vergleich als am tragfähigsten.
Die Grenze vorher festlegen
Als Richtwert gilt: Die Summe der Punkte darf nicht größer sein als die Zahl der beteiligten Personen.
Ist sie größer, beträgt der Widerstand mehr als 50 Prozent des möglichen Widerstands. Dann gilt der Vorschlag als nicht tragfähig.
Diese 50-Prozent-Grenze ist aber kein festes Gesetz. Der Zusammenhang ist wichtig.
Bei empfindlichen oder schwierigen Themen kann schon ein einzelner starker Einwand Anlass sein, innezuhalten und den Vorschlag zu verändern.
Bei Alltagsfragen kann mehr Widerstand tragbar sein. Beispiele sind Organisation, Termine oder Abläufe.
Die Gruppe kann deshalb vorher einen anderen Grenzwert vereinbaren. Zum Beispiel 30, 40 oder 70 Prozent. Die Grenze muss zum Thema passen.
Einzelne starke Einwände verstehen
Auch wenn nur wenige Menschen starken Widerstand zeigen, darf das nicht übergangen werden.
Eine hilfreiche Frage lautet: „Was genau ist der Einwand?“
Danach kann die Gruppe prüfen:
- Sehen wir den Einwand ebenfalls?
- Können wir den Vorschlag verändern?
- Brauchen wir einen neuen Vorschlag?
Anschließend kann die Widerstandsabfrage wiederholt werden.
Gemeinsam laut zählen
Die Gruppe kann die Punkte selbst im Kreis zählen. Das macht die Rechnung nachvollziehbar und entlastet die Moderation.
- Alle zeigen gleichzeitig ihr Handzeichen.
- Die erste Person beginnt mit ihrer Punktzahl.
- Die nächste Person nennt die bisherige Summe, addiert ihren eigenen Wert und sagt die neue Summe.
- So geht es reihum weiter.
- Die letzte Person nennt das Gesamtergebnis.
Dadurch bekommen alle früh ein Gefühl dafür, wie tragfähig der Vorschlag ist.
Beispiel: 2 Punkte bei 3 Personen
Bei drei Personen sind höchstens sechs Punkte möglich. Zwei Punkte entsprechen ungefähr 33 Prozent.
Nach dem genannten Richtwert ist der Vorschlag klar tragfähig. Es gibt vielleicht kleinere Bedenken.
Die Gruppe kann fragen: „Was wäre nötig, damit alle noch besser mitgehen können?“
Beispiel: 3 Punkte bei 3 Personen
Drei Punkte entsprechen genau 50 Prozent des möglichen Widerstands.
Der Vorschlag liegt nach dem Richtwert gerade noch im tragfähigen Bereich. Die Gruppe kann kurz innehalten:
- Welche Einwände können wir einarbeiten?
- Würde ein kleiner Kompromiss helfen?
Beispiel: 5 Punkte bei 3 Personen
Fünf Punkte liegen deutlich über 50 Prozent des möglichen Widerstands.
Der Vorschlag ist nach dem Richtwert nicht tragfähig. Er sollte verworfen oder grundlegend überarbeitet werden. Vielleicht lässt sich ein guter Kern behalten. In der jetzigen Form trägt er aber nicht.
Es gewinnt nicht der lauteste Vorschlag. Gesucht wird eine Lösung, mit der alle gut leben können.
Bücher und Quellen
Bockelbrink, B., Priest, J. & David, L. (2019). Soziokratie 3.0 - Ein Praxisleitfaden. Sociocracy 3.0. https://sociocracy30.org/guide/
Butler, C. T. & Rothstein, A. (1987). On Conflict and Consensus: A handbook on formal consensus decisionmaking. Food Not Bombs Publishing.
Paulus, G., Schrotta, S. & Visotschnig, E. (2022). Systemisches Konsensieren (6. Aufl.). Danke-Verlag.
Rau, T. J. & Koch-Gonzalez, J. (2018). Many Voices One Song: Gemeinsam arbeiten, gemeinsam entscheiden mit Soziokratie. Sociocracy For All.
Visotschnig, E. & Schrotta, S. (2005). Das SK-Prinzip: Wie man Konflikte ohne Machtkämpfe löst. Wien: Ueberreuter.
