konsent.one
Alltagssprache
AlltagsspracheEN
Alltagssprache
AlltagsspracheEN

Methode

WRAP (Wellness Recovery Action Plan)

WRAP ist dein persönlicher Plan für Wohlbefinden, Krisen und die Zeit danach. Du sammelst, was dir hilft und wie andere dich unterstützen sollen.

Ein persönlicher Plan

WRAP steht für Wellness Recovery Action Plan. Der Plan beginnt beim Wohlbefinden und bei hilfreichen Gewohnheiten im Alltag. Ein Schwerpunkt ist, Krisen vorzubeugen. Weitere Schwerpunkte sind Unterstützung während einer Krise und die Zeit danach.

WRAP gehört zu den Hilfsmitteln, die Menschen mit eigener Psychiatrieerfahrung entwickelt haben. Slade beschreibt es als den weltweit am meisten verbreiteten Ansatz dieser Art.

Das Programm kann von Fachkräften oder von Peers geleitet werden. Peers bringen eigene Erfahrungen mit Recovery mit. Recovery bedeutet hier, einen eigenen Weg zu einem guten und selbstbestimmten Leben zu finden.

Dein Arbeitsbuch entsteht Schritt für Schritt

Du kannst dein persönliches Arbeitsbuch allein erstellen. Du kannst auch Freunde, Peers oder Fachkräfte um Unterstützung bitten.

Die vorgeschlagene Reihenfolge folgt einem möglichen Verlauf: Alltag, erste Belastungen, Krise und Rückkehr in den Alltag.

  1. Im Alltag schreibst du auf, was du für dein Wohlbefinden brauchst. Du hältst auch fest, was dir im Umgang mit Krisen hilft.
  2. Du erkennst mögliche Auslöser. Das können Situationen oder Menschen sein, die bei dir Belastungen auslösen. Solche Auslöser werden auch Trigger genannt.
  3. Du lernst, frühe Warnzeichen und Vorstufen einer Krise zu bemerken.
  4. Du schreibst auf, was du in diesen Situationen tun kannst.
  5. Du erstellst einen ausführlichen Plan für eine akute Krise.
  6. Du erstellst einen Plan für die Zeit nach einer Krise.
  7. Nach einer Krise überprüfst du deinen WRAP und ergänzt deine Erfahrungen.

Den Plan gehst du möglichst regelmäßig durch, im beschriebenen Ansatz am besten täglich.

Aus diesen Schritten wächst auch deine Wellness Toolbox. Das ist deine persönliche Sammlung hilfreicher Möglichkeiten. Du kannst sie um weitere Fähigkeiten und Übungen ergänzen.

Deinen Alltag beschreiben

Beschreibe zuerst, wie du bist, wenn es dir gut geht. Welche Eigenschaften und Verhaltensweisen bemerkst du dann? Vielleicht bist du zum Beispiel ausgeglichen oder kannst gut etwas erledigen.

Halte fest, was du täglich brauchst, damit es dir möglichst gut geht. Dazu können ein regelmäßiger Schlafrhythmus, Bewegung oder die Einnahme verordneter Medikamente gehören.

Unterscheide davon Dinge, die je nach Situation dazukommen können. Das können zum Beispiel kreative Projekte oder gemeinsame Aktivitäten mit anderen Menschen sein.

Was in den Krisenplan gehört

Der Krisenplan soll anderen zeigen, wie sie dir helfen können.

Du beschreibst, woran eine akute Krise oder ein Notfall zu erkennen ist. Du hältst auch fest, woran andere merken, dass die akute Krise oder der Notfall vorbei ist.

Weitere Inhalte sind:

  • Welche Behandlung du dir wünschst.
  • Welche praktische Unterstützung du im Alltag brauchst.
  • Was andere tun sollen.
  • Was sie ausdrücklich nicht tun sollen.
  • Was unbedingt vermieden werden soll, damit die Lage nicht schlimmer wird.

Die Zeit nach der Krise planen

Im Nachkrisenplan beschreibst du, woran du selbst erkennst: Ich habe die Krise überstanden.

Du schreibst auf, was du jetzt brauchst. Du benennst Menschen, die dich beim Übergang zurück in den Alltag unterstützen können.

Nach der Krise wird auch der bisherige Plan überarbeitet. So fließen neue Erfahrungen in die nächste Vorbereitung ein.

Warum Krisen so viel Raum bekommen

Viele Recovery-Ansätze richten den Blick vor allem auf Stärken und hilfreiche Möglichkeiten. Probleme und Krisen kommen dabei teilweise wenig vor.

WRAP beschäftigt sich dagegen ausführlich mit Krisen. Der Text Zwischen Krise und Kontinuität vermutet, dass dies ein Grund für seine große Verbreitung sein könnte.

WRAP

Die Abbildung zeigt die WRAP-Schritte als Kreislauf. Sie beruht auf Copelands Darstellung von 2015. Copeland selbst verwendet kein Kreismodell. Die Kreisform ist eine eigene Weiterentwicklung sowie eine eigene Darstellung und Übersetzung.

Ein untersuchtes Gruppenangebot

Der folgende Kursaufbau entspricht dem Gruppenangebot, das Cook und andere 2012 in einer Studie untersucht haben. Die Teilnehmenden wurden dabei zufällig verschiedenen Gruppen zugeteilt.

Der Kurs dauert acht Wochen. Jede Woche findet ein Treffen von zweieinhalb Stunden statt. Insgesamt sind es acht Sitzungen.

Die Gruppe besteht aus fünf bis zwölf Personen. Die Treffen finden an barrierefreien und leicht zugänglichen Orten im Gemeinwesen statt. Die Teilnahme ist kostenlos.

Wer den Kurs leitet

Zwei Peer-Kursleitungen führen den Kurs durch. Beide befinden sich selbst auf einem persönlichen Recovery-Weg und sind vom Copeland Center zertifiziert.

Falls jemand krank wird oder ein Notfall eintritt, stehen Ersatz-Kursleitungen bereit.

Die Arbeit besteht aus kurzen Vorträgen, Einzelübungen und Gruppenübungen. Die Peer-Kursleitungen und die Teilnehmenden bringen persönliche Beispiele ein. Freiwillige Aufgaben für zu Hause helfen, den eigenen WRAP weiterzuentwickeln.

Ziele während des ganzen Kurses

Über alle acht Sitzungen hinweg geht es darum:

  • Hoffnung zu stärken.
  • Verantwortung für das eigene Leben zu fördern.
  • Mehr Wahlmöglichkeiten zu erkennen und zu nutzen.
  • Eigene Entscheidungen über Behandlung besser vorbereiten und vertreten zu können.
  • Die eigenen Rechte zu kennen und zu nutzen.
  • Vertrauen in die eigene Wirksamkeit aufzubauen.

Sitzung 1: Recovery und WRAP kennenlernen

Die Gruppe beschäftigt sich mit den Grundgedanken von Recovery und den Bausteinen von WRAP. Sie bekommt einen Überblick über den achtwöchigen Kurs.

Sitzung 2: Hilfreiche Möglichkeiten sammeln

Die Teilnehmenden suchen persönliche Wege, ihr Wohlbefinden zu stärken. Sie befassen sich auch damit, wie sie mit eigenen Verletzlichkeiten und besonderer Anfälligkeit für Belastungen umgehen können.

Sitzung 3: Die Sammlung vertiefen

Die persönlichen Möglichkeiten werden genauer betrachtet. Sind sie im Alltag machbar? Passen sie zu den eigenen Krankheitszeichen und Belastungen?

Sitzung 4: Tagesplan und Auslöser

Die Teilnehmenden erstellen einen Plan für den Alltag. Auf Englisch heißt er Daily Maintenance Plan.

Dazu gehören Fragen wie: Was tue ich täglich für meine körperliche und psychische Gesundheit? Was brauche ich, damit ein Tag gut funktioniert?

Außerdem lernen die Teilnehmenden, Auslöser zu erkennen und zu benennen. Sie bereiten passende Reaktionen darauf vor.

Sitzung 5: Warnzeichen und zusätzliche Hilfe

Nun geht es um persönliche Frühwarnzeichen. Das können Veränderungen bei Krankheitszeichen, Stimmung oder Denken sein.

Die Person plant zusätzliche Unterstützung. Dazu können mehr Ruhe, mehr Kontakt oder mehr Struktur gehören.

Sitzung 6: Den Krisenplan beginnen

Die Teilnehmenden legen fest, woran sie eine Krise erkennen.

Sie sammeln Informationen und Wünsche zu Behandlungen, Medikamenten und hilfreichen Einrichtungen. Sie benennen unterstützende Personen. Außerdem beschreiben sie, welche Vorgehensweisen andere nutzen sollen.

Sitzung 7: Den Krisenplan fertigstellen

Die Handlungsschritte für unterstützende Personen werden genauer festgehalten.

Die Person bestimmt auch, welche Entscheidungen andere treffen sollen und welche nicht. Regeln für die Kommunikation während einer Krise gehören ebenfalls dazu.

Die Gruppe bereitet sich darauf vor, den Plan im Ernstfall einzusetzen.

Sitzung 8: Die Zeit danach und der Abschluss

Die Teilnehmenden überlegen, was sie nach einer Krise brauchen: Unterstützung, Schonung, Orientierung und Hilfe bei der Rückkehr in den Alltag.

Sie befassen sich damit, den WRAP nach einer Krise zu überarbeiten. Zum Abschluss schauen sie auch darauf zurück, wie sie sich während der acht Wochen entwickelt haben.

Rechte und Selbstbestimmung in jeder Sitzung

Diese Themen begleiten den ganzen Kurs.

Es geht um Bürgerrechte und Rechte als Patientin oder Patient. Dazu gehört das Recht, auf der Grundlage verständlicher Informationen selbst zu entscheiden. Auch der Umgang mit Behandelnden wird besprochen.

Informationen finden und Entscheidungen vorbereiten

Weitere Fragen sind: Wo finde ich verlässliche Informationen? Welche Behandlungen passen zu meinen Werten?

Die Teilnehmenden üben, eigene Wünsche deutlich zu machen. Sie suchen nach Alternativen und bereiten Gespräche mit Fachkräften vor.

Verantwortung für den eigenen Weg übernehmen

Die Person entwickelt eigene Möglichkeiten zum Umgang mit Belastungen. Sie nimmt ihre Warnzeichen ernst. Ihre eigenen Werte dienen als Orientierung.

Diese durchgehenden Themen werden unter anderem bei Jonikas und anderen sowie bei Copeland beschrieben.

Auch für Menschen ohne Diagnose

WRAP ist nicht nur für Menschen mit einer psychiatrischen Diagnose gedacht. Nach Copeland kann jede Person es nutzen, die sich wohler fühlen oder mehr Lebensfreude erleben möchte.

Auch in Fortbildungen für Fachkräfte kann WRAP eingesetzt werden. Die Fachkräfte erstellen dann zuerst ihren eigenen Plan. Sie sammeln eigene Erfahrungen, bevor sie andere beim Arbeitsbuch unterstützen.

WRAP kann dabei REFOCUS ergänzen. REFOCUS ist ein Recovery-orientiertes Training für Fachkräfte-Teams.

Mit anderen Methoden verbinden

WRAP kann ein Ausgangspunkt für weitere Methoden sein. Betroffene und unterstützende Personen können gemeinsam eine Sammlung passender Vorgehensweisen entwickeln. Sie wählen je nach Situation und Bedarf aus.

Methoden der Persönlichen Zukunftsplanung könnten dafür geprüft werden. Sie helfen zum Beispiel, Stärken und Ziele zu erkennen, Beziehungen und den Stadtteil zu erschließen und Entscheidungen vorzubereiten.

Solche Methoden werden im Handbuch zum Teilhabeinstrument Berlin ausdrücklich empfohlen. Dadurch besteht ein direkter Bezug zur Eingliederungshilfe.

Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat eine eigene Anpassung von WRAP in einer frei zugänglichen Broschüre veröffentlicht.

Bücher und Quellen

Copeland, M. E. (2003). Action Planning for Prevention and Recovery (SMA-3720). Substance Abuse and Mental Health Services Administration. https://library.samhsa.gov/sites/default/files/d7/priv/sma-3720.pdf

Copeland, M. E. (2015). WRAP Wellness recovery action plan: An evidence based system for monitoring, reducing and eliminating uncomfortable or dangerous physical and emotional difficulties. Peach Press.

Bird, V., Leamy, M., Le Boutillier, C., Williams, J., & Slade, M. (2014). REFOCUS. Promoting recovery in mental health services (2. Aufl.). Rethink Mental Illness. https://www.researchintorecovery.com/files/REFOCUS%20Manual%202nd%20edition.pdf

Cook, J. A., Copeland, M. E., Floyd, C. B., Jonikas, J. A., Hamilton, M. M., Razzano, L., Carter, T. M., Hudson, W. B., Grey, D. D., & Boyd, S. (2012). A randomized controlled trial of effects of Wellness Recovery Action Planning on depression, anxiety, and recovery. Psychiatric Services, 63(6), 541–547. https://doi.org/10.1176/appi.ps.201100125

Doose, S. (2020). „I want my dream“—Persönliche Zukunftsplanung (11. Aufl.). AG SPAK Bücher.

Fukui, S., Starnino, V. R., Mariscal, S., Davidson, L. J., Cook, K., Rapp, C. A., & Gowdy, E. A. (2011). Effect of Wellness Recovery Action Plan (WRAP) participation on psychiatric symptoms, sense of hope, and recovery. Psychiatric Rehabilitation Journal, 34(3), 214–222. https://doi.org/10.2975/34.3.2011.214.222

Jonikas, J. A., Grey, D. D., Copeland, M. E., Razzano, L. A., Hamilton, M. M., Floyd, C. B., Hudson, W. B., & Cook, J. A. (2013). Improving Propensity for Patient Self-Advocacy Through Wellness Recovery Action Planning: Results of a Randomized Controlled Trial. Community Mental Health Journal, 49(3), 260–269. https://doi.org/10.1007/s10597-011-9475-9

O’Keeffe, D., Hickey, D., Lane, A., McCormack, M., Lawlor, E., Kinsella, A., Donoghue, O., & Clarke, M. (2016). Mental illness self-management: a randomised controlled trial of the Wellness Recovery Action Planning intervention for inpatients and outpatients with psychiatric illness. Irish Journal of Psychological Medicine, 33(2), 81–92. https://doi.org/10.1017/ipm.2015.18

Schäfers, M. (2020). TiB Teilhabeinstrument Berlin. Teilhabeorientierte Individuelle Bedarfsermittlung. Manual (2. Aufl.). Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales. https://www.berlin.de/sen/soziales/besondere-lebenssituationen/menschen-mit-behinderung/eingliederungshilfe-sgb-ix/bedarfsermittlung-tib/

Slade, M. (2013). 100 ways to support recovery. A guide for mental health professionals (2. Aufl.). Rethink Mental Illness. www.rethink.org/100ways

World Health Organization. (2019). Person-centred recovery planning for mental health and well-being. WHO QualityRights self-help tool. World Health Organization. https://www.who.int/europe/publications/i/item/9789241516822