Theorie

Capability Approach – Fähigkeitenansatz

Tatsächliche Lebensmöglichkeiten

Capabilities sind reale Verwirklichungschancen: Möglichkeiten, etwas zu tun oder eine bestimmte Lebensweise zu führen. Der Ansatz fragt danach, was Menschen mit den verfügbaren Mitteln unter ihren jeweiligen Lebensbedingungen tatsächlich erreichen können. Dazu gehören persönliche Voraussetzungen ebenso wie soziale und institutionelle Bedingungen.

Ein Beispiel: Ein öffentlicher Treffpunkt erweitert die Möglichkeiten einer Person erst dann, wenn sie ihn erreichen, betreten und dort Anschluss finden kann. Unterstützung kann deshalb sowohl bei der Person als auch bei der Umgebung ansetzen.

Zentrale menschliche Fähigkeiten nach Nussbaum

Nussbaum beschreibt zehn Bereiche, in denen jeder Mensch ein Mindestmaß an Verwirklichungschancen erhalten soll: Leben, körperliche Gesundheit, körperliche Unversehrtheit, Sinne, Vorstellungskraft und Denken, Gefühle, praktische Vernunft, soziale Zugehörigkeit, Verbundenheit mit anderen Lebewesen, Spiel und Einfluss auf die eigene Umwelt. Praktische Vernunft meint dabei insbesondere, Vorstellungen vom eigenen guten Leben bilden und prüfen zu können (Nussbaum, 2007).

Diese Liste gehört zu Nussbaums Fassung des Ansatzes. In Die Grenzen der Gerechtigkeit untersucht sie damit besonders die Rechte von Menschen mit Behinderungen, Gerechtigkeit über Staatsgrenzen hinweg und den Umgang mit Tieren (Nussbaum, 2010). Fähigkeiten meint hier auch die Bedingungen, unter denen ein Mensch seine Möglichkeiten nutzen kann; es geht nicht bloß um trainierbare individuelle Fertigkeiten.

Bezug zu den konsent.one-Texten

In Soziale Menschenrechte einklagen? wird Nussbaums Fähigkeitenansatz als Maßstab für Bedarfsermittlung und Hilfeplanung aufgegriffen. Die zentralen menschlichen Fähigkeiten dienen dort zusammen mit weiteren Ansätzen dazu, Unterstützungsbedingungen auf soziale Gerechtigkeit zu prüfen.

Die theoretischen Grundlagen der dialogischen Entscheidungsfindung knüpfen daran an: Entscheidend ist, ob eine Person verständliche Optionen, Unterstützung und tatsächlichen Einfluss auf eine Entscheidung hat. Der Fähigkeitenansatz liefert hierfür eine normative Orientierung; das konkrete Entscheidungsverfahren ist eine eigene methodische Umsetzung.

Verwandte Zettel

Literatur

Nussbaum, M. C. (2007). Human rights and human capabilities. Harvard Human Rights Journal, 20, 21–24. https://journals.law.harvard.edu/hrj/wp-content/uploads/sites/83/2020/06/20HHRJ21-Nussbaum.pdf

Nussbaum, M. C. (2010). Die Grenzen der Gerechtigkeit: Behinderung, Nationalität und Spezieszugehörigkeit. Suhrkamp.