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Theorie

Capability Approach – Fähigkeitenansatz

Der Fähigkeitenansatz fragt: Welche Möglichkeiten hat ein Mensch tatsächlich? Entscheidend sind auch die Unterstützung und die Bedingungen, unter denen er sein Leben gestalten kann.

Wirkliche Möglichkeiten zählen

Der englische Name Capability Approach bedeutet ungefähr Fähigkeitenansatz. Amartya Sen hat diesen Ansatz entwickelt. Martha Nussbaum hat ihn durch eine Liste zentraler menschlicher Fähigkeiten genauer gefasst.

Der Ansatz fragt nach Wohlbefinden und Gerechtigkeit. Dabei zählt, was ein Mensch wirklich tun und wie er tatsächlich leben kann. Es reicht nicht, dass ein Angebot nur auf dem Papier besteht.

Das englische Wort Capabilities meint solche wirklichen Möglichkeiten. Welche Möglichkeiten jemand hat, hängt von mehreren Dingen ab: von der Person selbst, von anderen Menschen und von den Regeln und Bedingungen in Einrichtungen und Gesellschaft.

Ein Beispiel aus dem Alltag

Ein öffentlicher Treffpunkt kann eine gute Möglichkeit bieten. Eine Person muss aber dorthin kommen und den Ort betreten können. Sie muss dort auch Kontakt zu anderen finden können.

Vielleicht braucht sie Unterstützung, verständliche Informationen oder einen zugänglichen Raum. Hilfe kann deshalb bei der Person ansetzen. Sie kann aber auch die Umgebung verändern.

Zehn Bereiche nach Martha Nussbaum

Nussbaum beschreibt zehn Bereiche. In jedem davon soll jeder Mensch mindestens grundlegende Möglichkeiten haben:

  • Leben: die Möglichkeit, ein menschliches Leben zu führen.
  • Körperliche Gesundheit: die Möglichkeit, die eigene Gesundheit zu erhalten.
  • Körperliche Unversehrtheit: Schutz und Achtung des eigenen Körpers.
  • Sinne, Vorstellungskraft und Denken: die Möglichkeit, wahrzunehmen, sich etwas vorzustellen und zu denken.
  • Gefühle: die Möglichkeit, Gefühle und Beziehungen zu entwickeln.
  • Praktische Vernunft: sich vorzustellen, was ein gutes eigenes Leben ist, und diese Vorstellung zu prüfen.
  • Soziale Zugehörigkeit: mit anderen Menschen leben und dazugehören zu können.
  • Verbundenheit mit anderen Lebewesen: eine Beziehung zu Tieren und anderen Lebewesen haben zu können.
  • Spiel: die Möglichkeit, zu spielen und spielerisch tätig zu sein.
  • Einfluss auf die eigene Umwelt: die Bedingungen des eigenen Lebens mitgestalten zu können.

Diese Liste gehört zu Nussbaums Fassung des Ansatzes. „Fähigkeiten“ meint hier mehr als Dinge, die eine Person trainieren kann. Auch die Bedingungen, unter denen sie ihre Möglichkeiten nutzt, gehören dazu.

In ihrem Buch Die Grenzen der Gerechtigkeit untersucht Nussbaum mit diesem Ansatz drei Themen besonders: die Rechte von Menschen mit Behinderungen, Gerechtigkeit über Staatsgrenzen hinweg und den Umgang mit Tieren.

Der Bezug zu den eigenen Texten

Der Text Soziale Menschenrechte einklagen? nutzt Nussbaums Ansatz für die Frage: Welche Unterstützung braucht ein Mensch? Die Liste der Fähigkeiten ist dort zusammen mit anderen Ansätzen ein Maßstab. Mit ihr lässt sich prüfen, ob die Ermittlung von Bedarf und die Planung von Hilfen sozial gerecht sind.

Auch die theoretischen Grundlagen der dialogischen Entscheidungsfindung knüpfen daran an. Menschen brauchen verständliche Wahlmöglichkeiten, passende Unterstützung und wirklichen Einfluss auf eine Entscheidung.

Der Fähigkeitenansatz gibt dafür eine Orientierung: Worauf sollte eine gerechte Entscheidung achten? Er ist aber nicht selbst das konkrete Verfahren. Die dialogische Entscheidungsfindung setzt diese Orientierung mit einer eigenen Methode um.

Bücher und Quellen

Nussbaum, M. C. (2007). Human rights and human capabilities. Harvard Human Rights Journal, 20, 21–24. https://journals.law.harvard.edu/hrj/wp-content/uploads/sites/83/2020/06/20HHRJ21-Nussbaum.pdf

Nussbaum, M. C. (2010). Die Grenzen der Gerechtigkeit: Behinderung, Nationalität und Spezieszugehörigkeit. Suhrkamp.