Ein gewöhnlicher Dienstag

Ein gutes Leben kann sich im Unscheinbaren zeigen: wieder im Chor singen, eine Freundin anrufen, eine Aufgabe übernehmen, morgens einen Kaffee am Fenster trinken. Wer nur nach Symptomen fragt, übersieht so etwas leicht. Dabei sind diese Momente nicht nur angenehme Begleiterscheinung, sondern sie sind selbst ein Stück gutes Leben. Beziehungen, Engagement und erlebter Fortschritt sind grundlegende Elemente von Wohlbefinden (Seligman, 2012).

Psychische Erkrankung und psychisches Wohlbefinden sind nicht die beiden Enden einer einzigen Skala (Slade, 2010). Ein Mensch kann erhebliche Symptome erleben und zugleich Verbundenheit, Sinn oder Empowerment erfahren. Umgekehrt garantiert Symptomfreiheit noch kein gutes Leben.

Eine Kurzdefinition bringt den Recovery-Ansatz und die Frage, was Genesung bedeutet, auf den Punkt: „Recovery bedeutet, so gut wie möglich zu leben“ (South London and Maudsley NHS Foundation Trust, 2010; eigene Übersetzung). Das ist bescheidener als ein Glücksversprechen und anspruchsvoller als die bloße Abwesenheit von Symptomen. Es gilt nicht erst später. Es gilt auch an Tagen, an denen schon das Aufstehen schwerfällt.

Aushalten und Widerstand

Ein gutes Leben nicht auf später zu verschieben, heißt nicht, ungerechte Bedingungen hinzunehmen. Beides gehört zum „trotz allem“. Das verlangt eine Unterscheidung, die im Alltag nicht immer leicht ist: Was möchte ich akzeptieren, weil es gerade nicht veränderbar ist? Was möchte ich ausdrücklich nicht hinnehmen? Wo brauche ich Kraft zum Aushalten – und wo Kraft zum Widerstand? Eine Recovery-orientierte Praxis begleitet beide Perspektiven (Roerick, 2026a).

Daraus ergeben sich unterschiedliche Aufgaben. Manchmal liegt der nächste Schritt bei der Person. Manchmal bei den Menschen, die sie unterstützen. Und manchmal bei den Regeln, unter denen alle leben. Wer keine Wohnung findet, braucht häufig nicht zuerst Empowerment, sondern bezahlbaren Wohnraum.

Darin liegt auch ein Schutz vor erzwungener Positivität. Achtsamkeit ersetzt keine Gerechtigkeit. Resilienz ist keine Pflicht, unter ungerechten Bedingungen besser zu funktionieren (Roerick, 2026a, 2026b). Menschen dürfen ambivalent, ziellos oder traurig sein, ohne dadurch Genesung zu verfehlen. Und ein kleines Stück gutes Leben ist keine Aufforderung, sich mit wenig zufriedenzugeben.

Was bleiben soll

In Krisen richtet sich fast alle Aufmerksamkeit auf das, was sich ändern muss. Dabei geht eine zweite Frage leicht verloren: Was soll bleiben? Welche Beziehung, welche Gewohnheit trägt bereits? Welche Rolle soll neben der Rolle als Patient:in oder Klient:in sichtbar bleiben? Und wer bleibt ansprechbar – vor, während und nach einer Krise?

Gerade bei lang anhaltenden Krisen ist das keine Nebensache. Wenn jede Krise nur dieselbe Notfallkette auslöst, bleibt wenig Raum, Muster zu verstehen und neue Antworten zu erproben. Bei chronisch verfestigten Krisen kann die wiederholte Anwendung eines auf akute Krisen zugeschnittenen Interventionskonzepts Hilflosigkeit und Abhängigkeit verstärken. Dann braucht es eine Begleitung, die auch an längerfristigen Zielen und Handlungsmöglichkeiten arbeitet (Sonneck et al., 2016). Kontinuität kann dann selbst zur Intervention werden: als verlässliche Beziehung vor, während und nach der Krise (Roerick, 2025). Der Recovery-Kompass setzt deshalb beim Alltag an, nicht erst bei der Krise.

Die Eingliederungshilfe kann dafür eine besondere Ressource einbringen. Sie begleitet Menschen oft schon vor einer Klinikaufnahme im Alltag und bleibt nach der Entlassung häufig am längsten an ihrer Seite. Im klinischen System wird genau das oft übersehen (Roerick, 2025).

Kontinuität ist allerdings kein Wert an sich. Auch Vertrautes kann belasten. Wertvoll ist sie dort, wo die Person sie wünscht und wo sie trägt.

Wer bestimmt

Was als gutes Leben zählt, definiert niemand von außen. Die Person bleibt Expert:in dieser Frage (Roerick, 2026a). Im Alltag wird das schnell konkret: Jemand möchte weniger Termine. Lehnt ein Angebot ab. Hat einen Zukunftswunsch, der anderen unrealistisch erscheint. Oft fehlt es dann nicht an Wünschen. Sie werden nur nicht als gültige Zukunftsvorstellungen anerkannt.

Recovery-Orientierung zeigt sich deshalb auch am Umgang mit Macht. Wer entscheidet? Wer verfügt über Informationen? Was geschieht bei Widerspruch? Eine tragfähige Beziehung erkennt man daran, dass eine Person widersprechen kann, ohne den Verlust der Unterstützung fürchten zu müssen. Auch langfristige Begleitung kann gewünscht und hilfreich sein. Entscheidend ist nicht ihre Dauer, sondern wer Inhalt, Umfang und weiteren Bedarf mitbestimmt (Roerick, 2026a).

Für gemeinsame Vereinbarungen bietet die dialogische Entscheidungsfindung (dEf) ein konkretes Verfahren. Aus einer benannten Spannung entsteht ein Vorschlag. Einwände werden gehört und integriert. Die Vereinbarung wird festgehalten und später gemeinsam überprüft. So kann die eigene Stimme das gemeinsame Handeln mitbestimmen – wenn Einwände tatsächlich Folgen für die Vereinbarung haben.

Fünf Fragen, kein Pflichtprogramm

Eine Orientierung bietet CHIME. Das Modell bündelt fünf Prozesse persönlicher Genesung, die in der internationalen Recovery-Forschung immer wieder beschrieben werden: Verbundenheit, Hoffnung, Identität, Sinn sowie Selbstbestimmung und Handlungsmacht (Leamy et al., 2011). Daraus lassen sich fünf offene Fragen für das Gespräch entwickeln (Roerick, 2026a):

  • Verbundenheit: Wer und was trägt mich – und wo gehöre ich dazu?
  • Hoffnung und Zuversicht: Was ist trotz allem möglich, vielleicht nur als nächster kleiner Schritt?
  • Identität: Wer bin ich jenseits von Diagnose, Krise, Hilfeplanung und Erwartungen anderer?
  • Sinn im Leben: Was ist mir wichtig, und wofür lohnt sich der nächste Schritt?
  • Selbstbestimmung und Handlungsmacht: Was möchte ich entscheiden, tun oder verändern – und welche Rechte und Mittel brauche ich dafür?

Diese Fragen sind keine Checkliste. CHIMEplus beschreibt die fünf Bereiche mit dem Bild eines Equalizers: Die Töne müssen nicht alle gleich laut sein. Manchmal braucht Verbundenheit mehr Raum, manchmal genügt bei der Hoffnung ein kleiner, glaubhafter Ton. Und manchmal müssen vor allem Anforderungen, Reize oder professioneller Druck leiser werden.

Niemand muss alle fünf Bereiche bearbeiten. Eine einzige passende Frage kann genügen. Auch sie darf warten, wenn sie gerade zu viel ist. Die Person bestimmt Richtung, Tempo und den für sie stimmigen Klang.

Fünf farbige Karten mit Leitfragen zu Verbundenheit, Hoffnung und Zuversicht, Identität, Sinn im Leben sowie Selbstbestimmung und Handlungsmacht.
CHIMEplus: Die fünf Bereiche mit kompakten Leitfragen. Eigene Darstellung.

Das „Plus“ in CHIMEplus erweitert das Hinhören um Wohlbefinden, Resilienzförderung, Persönliche Zukunftsplanung und Achtsamkeit. Es bleibt ein konzeptioneller Orientierungsrahmen: Sein Nutzen liegt in der Ordnung von Fragen, nicht im Nachweis einer eigenständigen Wirksamkeit (Roerick, 2026a).

Was trägt schon?

Wie aus einem persönlichen Wunsch eine gemeinsame Aufgabe wird, zeigt ein Beispiel: Wer wieder singen möchte, braucht vielleicht Mut und Begleitung. Vielleicht aber auch einen Chor, der Pausen aushält, einen Fahrdienst, Geld für den Mitgliedsbeitrag und eine Fachkraft, die nicht beim ersten Konflikt den Rückzug empfiehlt (Roerick, 2026a). Der Wunsch gehört der Person. Ob er Wirklichkeit werden kann, hängt auch von Beziehungen, Angeboten und Organisationen ab.

Daraus folgt ein doppelter Auftrag: Menschen darin unterstützen, eigene Wege zu entdecken – und Bedingungen verändern, die diese Wege versperren. Verbundenheit braucht Orte. Hoffnung braucht Gelegenheiten. Identität braucht Rollen jenseits der Patient:innen- und Klient:innenrolle. Sinn braucht Tätigkeiten, die für die Person zählen. Und Selbstbestimmung braucht Rechte, Ressourcen und öffentliche Räume, in denen Entscheidungen ernstgenommen werden (Roerick, 2026a).

Am Anfang können drei schlichte Fragen stehen: Was trägt schon? Was fehlt? Und wer kann dazu beitragen, dass sich etwas verändert? Vielleicht beginnt die Antwort mit etwas, das bleiben soll. Mit einem Wunsch, der bisher keinen Platz hatte. Oder mit einer Bedingung, die sich ändern muss. Entscheidend ist, dass die Antwort Folgen haben darf.

Literaturverzeichnis

Leamy, M., Bird, V., Le Boutillier, C., Williams, J., & Slade, M. (2011). Conceptual framework for personal recovery in mental health: Systematic review and narrative synthesis. The British Journal of Psychiatry, 199(6), 445–452. https://doi.org/10.1192/bjp.bp.110.083733

Roerick, J. (2025). Zwischen Krise und Kontinuität: Konzeptionelle Überlegungen zum Recovery-Ansatz in der Eingliederungshilfe [Working Paper, Alice-Salomon-Hochschule Berlin]. Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.22172042

Roerick, J. (2026a). Ein gutes Leben leben — trotz allem: CHIMEplus als Orientierungsrahmen für Krisenbearbeitung und Recovery in der Gemeindepsychiatrie [Working Paper]. konsent.one / figshare. https://doi.org/10.6084/m9.figshare.33369028

Roerick, J. (2026b, 6. September). Ein gutes Leben — trotz allem. joelroerick.com. https://joelroerick.com/blog/2026/09/ein-gutes-leben-trotz-allem/

Seligman, M. E. P. (2012). Flourish – Wie Menschen aufblühen: Die positive Psychologie des gelingenden Lebens (S. Schuhmacher, Übers.). Kösel. (Originalwerk veröffentlicht 2011)

Slade, M. (2010). Mental illness and well-being: The central importance of positive psychology and recovery approaches. BMC Health Services Research, 10, 26. https://doi.org/10.1186/1472-6963-10-26

Sonneck, G., Kapusta, N., Tomandl, G., & Voracek, M. (Hrsg.). (2016). Krisenintervention und Suizidverhütung (3. aktualisierte Auflage). UTB facultas.

South London and Maudsley NHS Foundation Trust. (2010). Social inclusion and recovery (SIR) strategy 2010–2015. https://www.slamrecoverycollege.co.uk/uploads/2/6/5/2/26525995/sir_strategy_2010-2015_-_final_version1.pdf

Beide Working Papers sind frei zugänglich; die Übersicht aller Texte steht unter konsent.one/texte.