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Einfache Sprache

Ein gutes Leben. Trotz allem.

Ein gutes Leben ist auch mit Krisen und Schwierigkeiten möglich. Was gibt im Alltag Halt? Was soll bleiben? Und wer entscheidet? Der Beitrag fragt nach eigenen Wünschen, verlässlicher Unterstützung und Bedingungen, die sich ändern müssen.

Ein gewöhnlicher Dienstag

Ein gutes Leben kann sich in kleinen Momenten zeigen. Zum Beispiel: wieder im Chor singen, eine Freundin anrufen, eine Aufgabe übernehmen oder morgens einen Kaffee am Fenster trinken.

Wer nur auf die Beschwerden einer Person schaut, kann solche Erfahrungen übersehen. Dabei können sie selbst ein Stück gutes Leben sein. Beziehungen, eine Tätigkeit, für die man sich einsetzt, und eigene Fortschritte gehören zum Wohlbefinden (Seligman, 2012).

Eine psychische Erkrankung und das persönliche Wohlbefinden sind unterschiedliche Dinge. Ein Mensch kann starke Beschwerden haben und sich trotzdem mit anderen verbunden fühlen. Er kann etwas als sinnvoll erleben und Einfluss auf sein Leben haben. Umgekehrt bedeutet ein Leben ohne Beschwerden nicht automatisch, dass es der Person gut geht (Slade, 2010).

Recovery heißt, so gut wie möglich zu leben

Recovery ist ein englisches Wort. Hier geht es um den persönlichen Weg zu einem guten und selbstbestimmten Leben.

Eine kurze Erklärung lautet: „Recovery bedeutet, so gut wie möglich zu leben“ (South London and Maudsley NHS Foundation Trust, 2010; eigene Übersetzung).

Das ist kein Versprechen auf ein glückliches Leben ohne Schwierigkeiten. Es geht aber auch um mehr als darum, keine Beschwerden zu haben. Diese Frage ist schon heute wichtig. Auch an einem Tag, an dem das Aufstehen schwerfällt.

Was muss ich aushalten und was möchte ich verändern?

Ein gutes Leben muss nicht warten, bis alle Schwierigkeiten vorbei sind. Zugleich müssen Menschen ungerechte Bedingungen nicht einfach hinnehmen.

Im Alltag kann es schwierig sein, beides zu unterscheiden. Dabei können diese Fragen helfen:

  • Was möchte ich annehmen, weil es sich gerade nicht verändern lässt?
  • Was möchte ich ausdrücklich nicht hinnehmen?
  • Wo brauche ich Kraft, um etwas auszuhalten?
  • Wo brauche ich Kraft, um mich gegen etwas zu wehren?

Eine Unterstützung im Sinne von Recovery lässt Raum für beide Wege (Roerick, 2026a).

Daraus entstehen unterschiedliche Aufgaben. Manchmal kann die Person selbst einen nächsten Schritt gehen. Manchmal müssen andere Menschen etwas beitragen. Manchmal müssen sich Regeln ändern.

Zum Beispiel: Wer keine Wohnung findet, braucht häufig vor allem eine bezahlbare Wohnung. Eine Übung zur Stärkung des Selbstvertrauens löst dieses Problem nicht.

Niemand muss immer zuversichtlich sein

Achtsamkeit kann ungerechte Bedingungen nicht beseitigen. Auch Resilienz bedeutet keine Pflicht, unter schlechten Bedingungen besser zu funktionieren. Mit Resilienz ist gemeint, mit Belastungen umgehen zu können und dabei Unterstützung und Handlungsmöglichkeiten zu finden (Roerick, 2026a, 2026b).

Menschen dürfen traurig sein. Sie dürfen widersprüchliche Gefühle haben. Sie dürfen auch eine Zeit lang keine Ziele haben. Das bedeutet nicht, dass sie auf ihrem Weg der Genesung versagt haben.

Und wer einen guten Moment erlebt, muss sich deshalb nicht mit schlechten Lebensbedingungen zufriedengeben.

Was soll in einer Krise bleiben?

In einer Krise geht es oft darum, was sich ändern muss. Eine andere Frage ist ebenso wichtig: Was soll bleiben?

  • Welche Beziehung gibt schon Halt?
  • Welche Gewohnheit tut gut?
  • Was gehört zu meinem Leben, auch wenn ich Unterstützung brauche?
  • Wer bleibt ansprechbar: vor der Krise, während der Krise und danach?

Eine Person ist mehr als eine Patientin oder ein Klient. Ihre anderen Rollen, Interessen und Beziehungen sollen sichtbar bleiben.

Verlässliche Begleitung über längere Zeit

Bei lange anhaltenden Krisen reicht es nicht immer, wieder dieselbe Abfolge von Notfallmaßnahmen zu beginnen. Dann bleibt möglicherweise wenig Zeit, wiederkehrende Schwierigkeiten zu verstehen und andere Wege auszuprobieren.

Manche Krisen haben sich über längere Zeit verfestigt. Wiederholt man dann ein Vorgehen, das für akute Krisen entwickelt wurde, kann das Hilflosigkeit und Abhängigkeit verstärken. Es braucht auch eine Begleitung, die mit der Person an längerfristigen Zielen und eigenen Handlungsmöglichkeiten arbeitet (Sonneck et al., 2016).

Eine verlässliche Beziehung kann dabei selbst eine wichtige Hilfe sein. Die Unterstützung ist vor, während und nach der Krise erreichbar (Roerick, 2025). Deshalb beginnt der Recovery-Kompass beim Alltag.

Die Eingliederungshilfe kann solche Verlässlichkeit bieten. Sie unterstützt Menschen dabei, ihren Alltag zu gestalten und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Oft begleitet sie eine Person schon vor einem Klinikaufenthalt. Auch nach der Entlassung bleibt diese Begleitung häufig lange bestehen. Im klinischen System wird diese Rolle oft übersehen (Roerick, 2025).

Vertrautes ist aber nicht immer hilfreich. Auch eine bestehende Beziehung oder Gewohnheit kann belasten. Sie soll bleiben, wenn die Person das möchte und wenn sie ihr Halt gibt.

Wer entscheidet über das gute Leben?

Was ein gutes Leben bedeutet, bestimmt die Person selbst. Sie kennt ihre Wünsche und Erfahrungen (Roerick, 2026a).

Das wird bei alltäglichen Entscheidungen deutlich. Eine Person möchte weniger Termine. Sie lehnt ein Angebot ab. Oder sie wünscht sich eine Zukunft, die andere für unrealistisch halten.

Oft fehlen dieser Person nicht die Wünsche. Andere nehmen ihre Wünsche nur nicht als mögliche Zukunft ernst.

Widerspruch muss möglich sein

Bei Recovery geht es deshalb auch um Macht. Wer entscheidet? Wer hat die nötigen Informationen? Und was passiert, wenn die Person widerspricht?

Eine verlässliche Beziehung lässt Widerspruch zu. Die Person muss sagen können, dass sie etwas anders möchte. Sie darf nicht fürchten müssen, deshalb ihre Unterstützung zu verlieren.

Auch eine lange Begleitung kann gewünscht und hilfreich sein. Entscheidend ist, dass die Person mitbestimmt: Wobei möchte sie Unterstützung? Wie viel? Und braucht sie diese Unterstützung weiterhin? (Roerick, 2026a)

Die dialogische Entscheidungsfindung (dEf) bietet einen Ablauf für gemeinsame Vereinbarungen:

  • Jemand benennt ein Problem oder einen Wunsch nach Veränderung.
  • Daraus entsteht ein Vorschlag.
  • Die Beteiligten hören Einwände an. Das sind Gründe, weshalb etwas am Vorschlag noch nicht passt.
  • Sie bearbeiten die Einwände und verändern den Vorschlag.
  • Sie halten die Vereinbarung fest und überprüfen sie später gemeinsam.

So kann die eigene Stimme das gemeinsame Handeln mitbestimmen. Dafür müssen Einwände tatsächlich etwas an der Vereinbarung verändern können.

Fünf Bereiche als Orientierung

CHIME beschreibt fünf Prozesse auf dem persönlichen Weg der Genesung. Diese Prozesse werden in der internationalen Recovery-Forschung immer wieder beschrieben (Leamy et al., 2011).

Die fünf Bereiche können helfen, gemeinsam Fragen zu stellen (Roerick, 2026a):

  • Verbundenheit: Wer oder was gibt mir Halt? Wo gehöre ich dazu?
  • Hoffnung und Zuversicht: Was ist trotz der Schwierigkeiten möglich? Was könnte ein kleiner nächster Schritt sein?
  • Identität: Wer bin ich außerdem? Was macht mich aus, wenn ich nicht nur auf meine Diagnose, meine Krise oder meine Hilfeplanung schaue? Was möchte ich selbst, unabhängig von den Erwartungen anderer?
  • Sinn im Leben: Was ist mir wichtig? Wofür lohnt sich ein nächster Schritt?
  • Selbstbestimmung und Handlungsmacht: Was möchte ich selbst entscheiden oder verändern? Welche Rechte, Mittel und Unterstützung brauche ich dafür?

Die Fragen sind kein Pflichtprogramm

Niemand muss alle fünf Bereiche bearbeiten. Eine einzige passende Frage kann genügen. Auch diese Frage darf warten, wenn sie gerade zu viel ist.

CHIMEplus verwendet dafür ein Bild aus der Musik: einen Equalizer. Mit einem solchen Gerät lassen sich verschiedene Tonbereiche lauter oder leiser einstellen.

Die fünf Bereiche müssen nicht alle gleich viel Raum bekommen. Vielleicht sind gerade Beziehungen besonders wichtig. Vielleicht reicht bei der Hoffnung schon eine kleine Möglichkeit für morgen.

Manchmal müssen vor allem Anforderungen, Reize oder der Druck durch Fachkräfte geringer werden. Die Person entscheidet, welche Richtung und welches Tempo für sie passen.

Fünf farbige Karten mit Fragen: Was gibt mir Halt? Was macht morgen möglich? Wer bin ich? Was gibt meinem Leben Sinn? Was kann ich selbst entscheiden?
Die Grafik zeigt die fünf CHIME-Bereiche mit kurzen Leitfragen. Eigene Darstellung.

Was bedeutet das Plus in CHIMEplus?

Das Plus verbindet CHIME mit weiteren Sichtweisen und Möglichkeiten:

  • Wohlbefinden: Was gehört dazu, dass es mir gut geht?
  • Resilienzförderung: Was unterstützt mich im Umgang mit Belastungen?
  • Persönliche Zukunftsplanung: Welche Zukunft wünsche ich mir? Wer und was kann mich dabei unterstützen?
  • Achtsamkeit: Was nehme ich gerade wahr? Welche Möglichkeiten zum Handeln habe ich?

CHIMEplus soll dabei helfen, Fragen zu ordnen und gemeinsam nach passenden Möglichkeiten zu suchen. Es ist ein fachlicher Entwurf. Dass verschiedene Ansätze zusammengeführt werden, beweist noch keine eigene Wirksamkeit von CHIMEplus (Roerick, 2026a).

Aus einem Wunsch wird eine gemeinsame Aufgabe

Ein Beispiel: Eine Person möchte wieder in einem Chor singen. Vielleicht braucht sie dafür Mut und jemanden, der sie begleitet.

Vielleicht braucht sie auch einen Chor, in dem sie Pausen machen darf. Sie braucht einen Weg zur Probe, etwa einen Fahrdienst. Vielleicht fehlt Geld für den Mitgliedsbeitrag. Und vielleicht braucht es eine Fachkraft, die bei einem Konflikt zunächst nach einer Lösung sucht, statt sofort zum Rückzug zu raten (Roerick, 2026a).

Der Wunsch gehört der Person. Damit er Wirklichkeit werden kann, müssen manchmal auch andere Menschen, Angebote und Organisationen etwas beitragen.

Menschen unterstützen und Bedingungen verändern

Daraus entstehen zwei gemeinsame Aufgaben: Menschen auf ihren eigenen Wegen unterstützen und Bedingungen verändern, die diese Wege versperren.

Die fünf Bereiche machen das deutlich:

  • Verbundenheit braucht Orte, an denen Menschen dazugehören können.
  • Hoffnung braucht echte Möglichkeiten.
  • Eine eigene Identität braucht Rollen außerhalb der Rolle als Patientin oder Klient.
  • Sinn braucht Tätigkeiten, die für die Person wichtig sind.
  • Selbstbestimmung braucht Rechte, Mittel und Räume, in denen eigene Entscheidungen ernst genommen werden (Roerick, 2026a).

Was trägt schon?

Am Anfang können drei einfache Fragen stehen:

  • Was gibt schon Halt?
  • Was fehlt?
  • Wer kann dazu beitragen, dass sich etwas verändert?

Vielleicht beginnt die Antwort mit etwas, das bleiben soll. Vielleicht mit einem Wunsch, der bisher keinen Platz hatte. Oder mit einer Bedingung, die sich ändern muss.

Entscheidend ist, dass die Antwort Folgen haben darf.

Literaturverzeichnis

Leamy, M., Bird, V., Le Boutillier, C., Williams, J., & Slade, M. (2011). Conceptual framework for personal recovery in mental health: Systematic review and narrative synthesis. The British Journal of Psychiatry, 199(6), 445–452. https://doi.org/10.1192/bjp.bp.110.083733

Roerick, J. (2025). Zwischen Krise und Kontinuität: Konzeptionelle Überlegungen zum Recovery-Ansatz in der Eingliederungshilfe [Working Paper, Alice-Salomon-Hochschule Berlin]. Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.22172042

Roerick, J. (2026a). Ein gutes Leben leben — trotz allem: CHIMEplus als Orientierungsrahmen für Krisenbearbeitung und Recovery in der Gemeindepsychiatrie [Working Paper]. konsent.one / figshare. https://doi.org/10.6084/m9.figshare.33369028

Roerick, J. (2026b, 6. September). Ein gutes Leben — trotz allem. joelroerick.com. https://joelroerick.com/blog/2026/09/ein-gutes-leben-trotz-allem/

Seligman, M. E. P. (2012). Flourish – Wie Menschen aufblühen: Die positive Psychologie des gelingenden Lebens (S. Schuhmacher, Übers.). Kösel. (Originalwerk veröffentlicht 2011)

Slade, M. (2010). Mental illness and well-being: The central importance of positive psychology and recovery approaches. BMC Health Services Research, 10, 26. https://doi.org/10.1186/1472-6963-10-26

Sonneck, G., Kapusta, N., Tomandl, G., & Voracek, M. (Hrsg.). (2016). Krisenintervention und Suizidverhütung (3. aktualisierte Auflage). UTB facultas.

South London and Maudsley NHS Foundation Trust. (2010). Social inclusion and recovery (SIR) strategy 2010–2015. https://www.slamrecoverycollege.co.uk/uploads/2/6/5/2/26525995/sir_strategy_2010-2015_-_final_version1.pdf

Beide Working Papers sind frei zugänglich; die Übersicht aller Texte steht unter konsent.one/texte.


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