Der Alltag kommt zuerst
Krisenpläne beginnen oft mit der Frage: Was tun wir in einer Krise?
Der Recovery-Kompass beginnt früher. Sein Grundsatz lautet: „Alltag zuerst“. Im Alltag wird sichtbar, was einem Menschen Halt gibt. Das ist die Grundlage für die weitere Arbeit.
Ich habe in einer Methodenskizze aufgeschrieben, wie das aussehen kann.
Für Menschen mit vielen Krisenerfahrungen
Der Recovery-Kompass wurde für Menschen entwickelt, die viele Krisen kennen. Dazu gehören Menschen mit Psychiatrieerfahrung, traumatischen Erfahrungen oder schweren und chronischen Erkrankungen. Auch Menschen mit mehreren Diagnosen gleichzeitig gehören dazu.
Der Kompass ist zugleich eine Arbeitshilfe für die Eingliederungshilfe.
Er gehört den Menschen, die ihn nutzen. Er ist kein festes Methodenhandbuch mit vorgeschriebenem Ablauf. Die Person kann allein damit arbeiten oder ihr eigenes Unterstützungsnetz einbeziehen.
Zwei Teile gehören zusammen
Die Methodenskizze beschreibt zwei Wege der Arbeit.
Der erste Teil ist die Toolbox. Das ist eine Sammlung von Hilfsmitteln für die Nutzerinnen und Nutzer. Dazu gehören Resilienz-Karten, ein Alltagsplan und Leitfäden für schwierige Situationen. Resilienz meint die Fähigkeit, mit Belastungen und Rückschlägen umzugehen.
Der zweite Teil heißt Krisen-Recovery-Coaching. Dabei vermitteln Fachkräfte die Arbeit mit dem Kompass und begleiten sie.
Alltag, Spannung und Krise unterscheiden
Die praktische Arbeit orientiert sich an drei Richtungen: Alltag, Spannung und Krise.
Im Alltag zeigen die Resilienz-Karten, was einer Person guttut und was sie trägt.
Spannung meint die Zeit, in der der Druck vor einer Krise zunimmt. Diese Phase ist in der Praxis besonders wichtig. Welche Situationen lösen Belastung aus? Welche frühen Warnzeichen bemerke ich? Und wie kann ich darauf reagieren?
Für die Krise selbst gibt es Reaktionsleitfäden. Darin stehen Fragen wie:
- Was hilft mir, wenn es schwierig wird?
- Wer soll an meiner Seite sein?
- Was soll auf keinen Fall geschehen?
Recovery gibt die Richtung vor
Die theoretische Grundlage ist der Recovery-Ansatz. Recovery bedeutet hier: den eigenen Weg zu einem guten und selbstbestimmten Leben finden.
Wichtige Bezugspunkte sind die Arbeiten von Patricia Deegan und William Anthony sowie CHIME. CHIME beschreibt Verbundenheit, Hoffnung, Identität, Sinn und Empowerment. Empowerment meint mehr Einfluss auf das eigene Leben.
Hoffnung steht dabei am Anfang. Sie ist bildlich gesprochen die erste „Verordnung“.
Der Kompass übernimmt nicht nur ein einzelnes Werkzeug. Er verbindet frei zugängliche Materialien zur Selbsthilfe, zum Beispiel das WHO-QualityRights-Tool der Weltgesundheitsorganisation. Dazu kommen Ansätze zur Stärkung von Resilienz und das REFOCUS-Coaching.
Entscheidungen werden gemeinsam im Gespräch getroffen. Dazu passt die dialogische Entscheidungsfindung (dEf).
Die vollständige Methodenskizze
Die vollständige Methodenskizze ist frei zugänglich:
Roerick, J. (2026). Der Recovery-Kompass. Eine Methodenskizze [Working Paper]. konsent.berlin / figshare. https://doi.org/10.6084/m9.figshare.32969489
Du findest den Text auch auf konsent.one: Der Recovery-Kompass — eine Methodenskizze.
Die Projektseite ist recovery-kompass.de.

