Was Konsent bedeutet
Bei Konsent müssen nicht alle begeistert sein. Entscheidend ist, dass niemand einen gut begründeten, schwerwiegenden Einwand hat.
Ein Vorschlag soll tragfähig sein. Das bedeutet: Die Beteiligten können damit leben, auch wenn sie persönlich eine andere Lösung lieber hätten.
Das Ziel ist kein perfekter Vorschlag. Er soll sicher genug sein, um ihn auszuprobieren. Dafür wird auch der englische Ausdruck „safe enough to try“ verwendet.
Die Haltung hinter dem Ablauf
Wir machen Vorschläge. Wir geben keine Anweisungen.
Ein Einwand stört den Prozess nicht. Er zeigt, was noch beachtet werden muss. Sobald eine Person ihren Vorschlag eingebracht hat, gehört er der Gruppe. Alle können daran weiterarbeiten.
Es geht deshalb nicht darum, die eigene Idee zu verteidigen oder andere zu überzeugen. Die Gruppe soll den Vorschlag gemeinsam besser machen. Das ist mehr als ein Kompromiss, mit dem am Ende niemand recht zufrieden ist.
Sieben Schritte, je nach Situation
Nicht jede Entscheidung braucht alle sieben Schritte. Bei einfachen Fragen reichen manchmal zwei oder drei Schritte. Bei schwierigen oder sensiblen Themen ist es sinnvoll, alle Schritte bewusst zu durchlaufen.
Schritt 1: Die Spannung benennen
Oft beginnt der Prozess mit einer Spannung. Etwas läuft nicht gut, stört, blockiert oder passt nicht zusammen.
Eine Person beschreibt diese Spannung. Alle sollen verstehen, worum es geht. Ab jetzt betrachtet die Gruppe das Problem als gemeinsame Aufgabe.
Manchmal ist das Problem bereits klar. Dann kann die Gruppe auch direkt mit einem Vorschlag beginnen.
Schritt 2: Einen Vorschlag machen
Die Person, die die Spannung benannt hat, schlägt vor, wie sich das Problem lösen lässt.
Vielleicht hat sie schon eine konkrete Idee. Vielleicht gibt es noch keine. Dann sammelt die Gruppe zunächst gemeinsam Ideen.
Sobald ein Vorschlag eingebracht ist, gehört er der Gruppe. Die Person, die ihn vorgeschlagen hat, muss ihn nicht gegen Veränderungen verteidigen.
Schritt 3: Verständnisfragen klären
Jetzt geht es ausschließlich darum, den Vorschlag zu verstehen.
Die Beteiligten dürfen Verständnisfragen stellen. Meinungen, Bewertungen und Diskussionen kommen noch nicht an die Reihe.
Das Ziel ist, dass alle das Gleiche vor Augen haben, wenn sie über den Vorschlag sprechen.
Schritt 4: Reaktionen hören
Nun können alle ihre erste Reaktion sagen. Das kann der Reihe nach im Kreis geschehen.
Jede Person soll zu Wort kommen können. Das gilt besonders für Menschen, die sonst eher still bleiben. Die Gruppe hört ruhig zu. Es wird noch nicht bewertet oder diskutiert.
Bei einer einfachen Entscheidung kann dieser Schritt entfallen.
Ein mögliches Stimmungsbild in Schritt 4
Die Gruppe kann an dieser Stelle eine kurze Widerstandsabfrage ohne Punkte machen. Sie dient nur zur Orientierung. Sie entscheidet noch nichts.
Alle zeigen gleichzeitig ein Handzeichen. Die Zeichen stehen für Widerstand, nicht für Zustimmung:
- Keine Geste oder eine Faust: kein oder nur sehr geringer Einwand.
- Eine offene Hand: ein leichter bis mittlerer Einwand.
- Beide offenen Hände: ein deutlicher, schwerwiegender Einwand.
Hier werden keine Punkte gezählt.
Ein solches Stimmungsbild muss vorsichtig eingesetzt werden. Je nachdem, wie die Gruppe miteinander umgeht, kann es auch eine innere Blockade auslösen.
Zeigt sich großer Widerstand, braucht die Gruppe besonders viel Zeit. Sie sammelt Einwände und arbeitet sie in den Vorschlag ein. Dadurch kann sich die Situation noch deutlich verändern. Ein anfangs stark abgelehnter Vorschlag kann später viel Unterstützung finden.
Schritt 5: Einwände sammeln
Nun bekommen die Einwände Raum und Gewicht. Schwerwiegende Einwände werden genannt und erklärt. Auch ein einzelner starker Einwand ist wichtig.
Leichtere Bedenken können ebenfalls genannt werden. Niemand muss sie aber äußern, wenn sie für die Person nicht entscheidend sind.
Eine hilfreiche Frage lautet:
Was ist aus deiner Sicht an diesem Vorschlag nicht tragbar?
Die Beteiligten sollen ihre Einwände möglichst früh nennen. Dann wird die Gruppe nicht später von wichtigen Vorbehalten überrascht.
Schritt 6: Einwände einarbeiten
Die Gruppe bearbeitet einen Einwand nach dem anderen. Sie geht Schritt für Schritt vor.
Die ursprüngliche Idee muss nicht verteidigt werden. Niemand muss sich rechtfertigen. Die Aufgabe ist, die Sorge im Einwand zu verstehen und bei der Veränderung des Vorschlags zu berücksichtigen.
So kann der Vorschlag klarer und verlässlicher werden.
Lässt sich ein Einwand nicht einarbeiten, hat die betreffende Person zwei Möglichkeiten:
- Sie nimmt sich zurück. Der Einwand bleibt bestehen, ist für sie aber nicht so schwerwiegend, dass er den Vorschlag verhindern muss.
- Sie schlägt einen Aufschub vor. Die Entscheidung wird vertagt.
Fehlt insgesamt die Zeit, kann eine Person oder eine Arbeitsgruppe den Vorschlag überarbeiten. Später kommt er erneut in die Gruppe.
Schritt 7: Entscheiden
Ein Vorschlag ist im Konsent angenommen, wenn kein schwerwiegender Einwand mehr besteht.
Auch noch vorhandene Bedenken können mit einer Entscheidung vereinbar sein. Dann sagt die betreffende Person sinngemäß: „Ich habe weiterhin Bedenken, aber ich kann damit mitgehen.“
Eine zusätzliche Widerstandsabfrage mit Punkten
Manchmal bleibt nach der Überarbeitung unklar, wie gut die Gruppe den Vorschlag mittragen kann. Dann kann eine Widerstandsabfrage mit Punkten helfen.
Alle zeigen wieder gleichzeitig ein Handzeichen:
- Keine Geste oder eine Faust: 0 Punkte.
- Eine offene Hand: 1 Punkt.
- Beide offenen Hände: 2 Punkte.
Die Punkte werden addiert. Als Richtwert gilt: Ist die Summe größer als die Zahl der beteiligten Personen, ist der Vorschlag nicht tragfähig. Dann liegt der Widerstand über 50 Prozent des möglichen Gesamtwerts.
Die Gruppe kann vorher eine andere Grenze festlegen. Je nach Thema können zum Beispiel 30, 40 oder 70 Prozent angemessen erscheinen. Diese Festlegung muss vor der Abfrage erfolgen.
Mehr dazu steht in der Kurzanleitung Widerstandsabfrage.
Wenn ein schwerwiegender Einwand bleibt
Dann muss die Gruppe bewusst entscheiden, wie sie weiterarbeitet. Der Einwand wird nicht einfach übergangen.
Eine Möglichkeit ist das Vertagen. Die Gruppe nimmt sich Zeit für weitere Klärung, für Recherche oder für eine Überarbeitung.
Eine andere Möglichkeit ist eine Testphase. Der Vorschlag wird ausprobiert. Der Einwand wird dokumentiert. Ein fester Zeitpunkt zur Überprüfung wird vereinbart.
Wann ein Einwand blockiert
Ein Einwand kann eine Entscheidung blockieren, wenn er gut begründet ist. Der Grund kann zum Beispiel rechtlich, ethisch, fachlich oder mit einer bestimmten Rolle und Verantwortung verbunden sein.
„Ich bin einfach dagegen“ reicht dafür nicht aus.
Auch zu hoher Gesamtwiderstand kann einen Vorschlag stoppen. Zeigt die Widerstandsabfrage mehr Widerstand, als die Gruppe vorher als tragbar festgelegt hat, trägt sie den Vorschlag so nicht mit.
Die eigene Verantwortung ernst nehmen
Eine Person kann auch sagen: „Ich kann diesen Vorschlag nicht mittragen, ohne gegen meine Verantwortung oder meine Integrität zu handeln.“
Integrität bedeutet hier, den eigenen begründeten Überzeugungen und der eigenen Verantwortung treu zu bleiben.
Auch das kann eine Entscheidung blockieren. Der Einwand soll dafür durchdacht, in sich stimmig und für andere nachvollziehbar sein.
Der wichtigste Gedanke
Nicht die lauteste Person soll gewinnen. Gesucht wird ein Vorschlag, mit dem alle gut leben können.
Woher diese Arbeitsweise kommt
Konsent stammt aus der Tradition soziokratischer Entscheidungen. Mit Soziokratie sind Formen gemeint, in denen Menschen Verantwortung und Entscheidungen gemeinsam organisieren.
Ich bin dem Konsent-Prinzip zuerst durch Gespräche in einer intentionalen Gemeinschaft begegnet. Das ist eine Gemeinschaft, in der Menschen bewusst zusammenleben und ihr Zusammenleben gestalten.
Die hier beschriebene Arbeitsweise ist meine eigene Anpassung. Sie ist durch die folgenden Quellen geprägt.
Die Idee, Widerstand zu messen statt Zustimmung zu zählen, stammt aus dem Systemischen Konsensieren von Paulus, Schrotta und Visotschnig. Die Widerstandsabfrage in dieser Anleitung ist eine eigene Vereinfachung für den Einsatz im Konsent-Prozess.
Literatur zu Konsent
Bockelbrink, B., Priest, J., & David, L. (2019). Soziokratie 3.0 – Ein Praxisleitfaden. Sociocracy 3.0. Deutsche Fassung: https://patterns-de.sociocracy30.org/ · Original: https://sociocracy30.org/guide/
Buck, J., & Villines, S. (2017). We the People. Consenting to a Deeper Democracy. (2. Aufl.). Sociocracy.info.
Butler, C. T., & Rothstein, A. (1987). On Conflict and Consensus: A handbook on Formal Consensus decisionmaking. Food Not Bombs Publishing.
Rau, T. J., & Koch-Gonzalez, J. (2018). Many Voices One Song. Gemeinsam arbeiten, gemeinsam entscheiden mit Soziokratie. Sociocracy For All.
Roerick, J. (2022). Konsent-Entscheidungsfindung in der Sozialen Arbeit [Working Paper, Alice-Salomon-Hochschule Berlin]. Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.20405958
Roerick, J. (2026). Dialogische Entscheidungsfindung in der Sozialen Arbeit – eine persönliche Einführung [Essay]. konsent.berlin / figshare. https://doi.org/10.6084/m9.figshare.32969573
Roerick, J. (2026). „Ist das nicht alles viel zu kompliziert?“ [Essay]. konsent.berlin / figshare. https://doi.org/10.6084/m9.figshare.32969579
Roerick, J. (2026). Dialogische Entscheidungsfindung (dEf) als Haltung [Working Paper]. konsent.berlin / figshare. https://doi.org/10.6084/m9.figshare.32969567
Strauch, B., & Reijmer, A. (2018). Soziokratie. Kreisstrukturen als Organisationsprinzip zur Stärkung der Mitverantwortung des Einzelnen. Vahlen.
Literatur zur Widerstandsabfrage
Paulus, G., Schrotta, S., & Visotschnig, E. (2022). Systemisches Konsensieren (6. Aufl.). Danke-Verlag.

