Eine neue Fassung der dialogischen Konsequenzenfolge
Was tun, wenn eine Vereinbarung wiederholt nicht hält?
Meine Antwort ist die dialogische Konsequenzenfolge. Die Abkürzung ist dK. Sie besteht aus fünf Stufen. Das Verfahren soll Verbindlichkeit herstellen und dabei auf Bestrafung verzichten.
Das Arbeitspapier liegt jetzt in Version 2.0 vor. Diese Fassung beginnt früher. Es geht zunächst um Rückmeldungen und nicht erst darum, Regeln durchzusetzen.
Früher ansetzen: bei der Spannung
Version 1 fragte: Wie reagieren wir fair, wenn eine Vereinbarung gebrochen wird?
Version 2.0 setzt schon bei einer Spannung an, für die es noch keine Vereinbarung gibt.
Jemand bemerkt zum Beispiel: Etwas läuft nicht gut. Ein Verhalten irritiert immer wieder. Oder eine Rückmeldung steht an.
Die ersten beiden Stufen lassen sich jetzt auch ohne bestehende Vereinbarung nutzen: ein Gespräch unter vier Augen und ein Gespräch in einer kleinen Runde.
Dabei können Wahrnehmungen, Wirkungen und Bedürfnisse geklärt werden.
Wie aus einer Spannung eine Vereinbarung wird
Manchmal reicht es schon, die Spannung auszusprechen.
Manchmal entsteht daraus ein Wunsch. Aus diesem Wunsch wird ein Vorschlag. Die Beteiligten nennen ihre Einwände und arbeiten sie ein.
Am Ende kann eine Vereinbarung stehen, die alle verstehen und akzeptieren.
Erst wenn diese Vereinbarung wiederholt nicht trägt, beginnt die Konsequenzenfolge im engeren Sinn. Dafür muss die Vereinbarung verständlich, gemeinsam beschlossen und überprüfbar sein.
Falls nötig, führt der Weg bis zur formalen Konsequenz auf Stufe 5.
Bei einer neuen Regel beginnt die Folge von vorn
Entsteht während der Gespräche eine neue Regel, beginnt die Folge für diese Regel von vorn.
Niemand darf zum Beispiel schon auf Stufe 3 beginnen, wenn die Regel erst seit gestern besteht.
Die neue Stufe 0: das Positive stärken
Stufe 0 liegt vor allen Gesprächen. Sie ist keine Reaktion auf ein Problem.
Sie beschreibt eine dauerhafte Grundhaltung:
- Stärken erkennen.
- Schritte bemerken, die gelingen.
- Grüne Fragen stellen. Das sind Fragen, die den Blick auf Erwünschtes und hilfreiche Möglichkeiten richten.
- Wahlmöglichkeiten eröffnen.
Das Bild dazu lautet: die Blumen gießen, nicht das Unkraut.
Nicht jede Rückmeldung ist nötig
Vor einem Feedback steht eine wichtige Frage: Braucht es diese Rückmeldung überhaupt?
Manchmal ist es besser, ein Verhalten nicht weiter zu beachten. Das gilt aber nur, soweit es verantwortbar ist.
Manches verliert an Bedeutung, wenn es keine zusätzliche Aufmerksamkeit bekommt. Stattdessen kann das gewünschte Verhalten gestärkt werden.
Verbindlichkeit bedeutet nicht Gehorsam
Ein neues Kapitel behandelt eine häufige Verwechslung.
Eine unterstützte Person folgt einer Empfehlung nicht. Dann wird sie manchmal als „nicht compliant“ bezeichnet. Gemeint ist, dass sie nicht wie erwartet mitmacht.
Ein Teammitglied widerspricht. Dann gilt es vielleicht als unkollegial.
Solche Bewertungen können Schaden anrichten. Vier Unterschiede sind deshalb wichtig:
- Respekt bedeutet nicht, gehorchen zu müssen.
- Zusammenarbeit bedeutet nicht, allem ohne Widerspruch zuzustimmen.
- Kollegialität bedeutet nicht, jemandem einfach zu folgen.
- Verbindlichkeit bedeutet nicht, sich unterzuordnen.
Rückmeldungen sind in beide Richtungen möglich
Der Erfolg der Methode zeigt sich nicht daran, ob eine Person am Ende gehorcht.
Wichtig ist, ob berechtigte, verständliche und verlässliche Vereinbarungen entstehen.
Auch Nutzerinnen und Nutzer können auf jeder Stufe Rückmeldung geben. Sie können benennen, wenn eine Vereinbarung verletzt wurde. Sie können auch die nächste Klärungsstufe verlangen.
Eine Konsequenzenfolge darf nicht nur von mächtigeren zu weniger mächtigen Personen führen. Sonst wäre sie ein Mittel zur Disziplinierung und keine dialogische Methode.
Drei Bereiche der Anwendung
Die überarbeitete Übersicht zeigt drei Zusammenhänge:
- Innerhalb eines Teams.
- Zwischen Fachkräften und Nutzerinnen oder Nutzern.
- Zwischen Nutzerinnen und Nutzern untereinander.
Beim zweiten Zusammenhang sind beide Richtungen wichtig: Das Team kann Rückmeldung geben. Nutzerinnen und Nutzer können dem Team ebenfalls Rückmeldung geben.
Weitere Änderungen und eine klare Grenze
Version 2.0 erklärt den Unterschied zwischen einer Konsequenz und einer Strafe genauer.
Auch Gewaltfreie Kommunikation und grüne Fragen bekommen mehr Raum. Sie sind wichtige sprachliche Hilfen auf den verschiedenen Stufen.
Die Grenze bleibt klar: Bei akuter Gefahr ist die dialogische Konsequenzenfolge nicht das passende Verfahren. Dann gelten das Schutzkonzept und die rechtlichen Verfahren.
Der Kern ist gleich geblieben: Nicht wegschauen. Nicht bestrafen. Früh klären.
Das vollständige Arbeitspapier
Version 2.0 ist frei zugänglich:
Roerick, J. (2026). Konsequent handeln, ohne zu bestrafen. Die dialogische Konsequenzenfolge für wiederholt gebrochene Vereinbarungen in der Sozialen Arbeit [Working Paper]. konsent.one / figshare. https://doi.org/10.6084/m9.figshare.32969582
Mehr zum Hintergrund steht im Beitrag zur dialogischen Entscheidungsfindung (dEf).
