Methode
Multilog
Im Multilog sprechen Menschen mit verschiedenen Erfahrungen über Psychiatrie und psychische Erkrankungen. Alle Sichtweisen werden gleichberechtigt gehört.
Ein Gespräch mit vielen Perspektiven
Der Multilog heißt auf Niederländisch Multiloog. Es ist ein Gespräch mit Moderation über psychiatrische Erfahrungen.
Das Gespräch dient nicht dazu, Erlebnisse medizinisch oder psychologisch zu beurteilen. Die Beteiligten sprechen gleichberechtigt darüber, was sie erlebt haben. Auch die gesellschaftlichen Bedingungen sind wichtig.
Wie der Multilog entstanden ist
Der Psychologe Heinz Mölders entwickelte den Ansatz in den Niederlanden. Er arbeitete dazu im INCA-Projektbüro am Kommunikationsprojekt Compro. Deutsche Psychoseseminare waren eine Anregung.
1997 gründete Mölders mit Kees Onderwater in Amsterdam zwei Multiloggruppen. Onderwater arbeitete dort in der Prävention, also bei vorbeugenden Angeboten.
Eine Gruppe war geschlossen und hatte feste Teilnehmende. Die andere Gruppe war offen. Dort wechselten die Teilnehmenden. Seit 1998 gab es auch in Zoetermeer Multilogtreffen im Rahmen von Kwartiermaken.
Wer teilnehmen kann
Menschen mit Psychiatrieerfahrung spielen eine wichtige Rolle. Dazu kommen Angehörige, Freundinnen und Freunde sowie Fachkräfte.
Der Kreis ist aber bewusst größer. Auch andere Menschen können teilnehmen, die in ihrer Arbeit oder im privaten Leben Kontakt zu Menschen mit Psychiatrieerfahrung haben. Beispiele sind:
- Polizistinnen und Polizisten.
- Beschäftigte von Wohnungsverwaltungen.
- Menschen aus der Sozialen Arbeit.
- Beschäftigte in Kirchen.
- Lehrerinnen und Lehrer.
- Nachbarinnen und Nachbarn.
So wird der Umgang mit psychiatrischen Erfahrungen zu einer gemeinsamen gesellschaftlichen Aufgabe.
Unterschied zum Trialog
Ein Trialog bringt drei Gruppen zusammen: Menschen mit Psychiatrieerfahrung, Angehörige und Fachkräfte. Solche Gespräche finden zum Beispiel in Psychoseseminaren statt.
Der Multilog ist damit verwandt. Er lädt aber weitere Gruppen aus dem gesellschaftlichen Alltag ein. Deshalb heißt er „multi“ für viele statt „tri“ für drei.
Wie das Gespräch funktioniert
Jede Person bringt eigene Interessen mit. Trotzdem sprechen alle auf gleicher Grundlage.
Auch eine Fachkraft hat nicht allein wegen ihres Berufs die Leitung oder das letzte Wort. Sie bringt eine Sichtweise unter anderen ein.
Menschen mit Psychiatrieerfahrung stehen im Zentrum. Aber auch die anderen dürfen über ihre Erfahrungen mit Psychiatrie sprechen und Fragen stellen.
Das gemeinsame Gespräch soll helfen, besser zu verstehen:
- Was bedeutet es, psychisch krank zu sein?
- Was brauchen zum Beispiel Menschen mit einer Psychose?
- Wie können die Beteiligten offen und ehrlich in Kontakt kommen?
- Wie können sie diesen Kontakt erhalten?
Was solche Gespräche ermöglichen können
Doortje Kal beschreibt: Durch die Erfahrungen anderer können Menschen ungewohntes Verhalten besser verstehen. Das kann die eigene Partnerperson betreffen, eine Kundin oder einen Mieter. Es kann mehr Klarheit und mehr Toleranz für Unterschiede entstehen.
Erzählende bekommen Raum für ihre Geschichte. Manche können sich dort zum ersten Mal ausführlich mitteilen. Sie bleiben mit ihrer Geschichte nicht mehr allein.
Peter Dierinck berichtet von Treffen in mehreren flämischen Städten. Dort nahmen sehr unterschiedliche Menschen teil: Menschen mit Psychiatrieerfahrung, Angehörige, Begleitpersonen und Menschen aus der Gemeinwesenarbeit.
Die meisten beschrieben die Treffen positiv. Nach diesen Berichten können Gespräche einer sehr düsteren Sicht entgegenwirken. Sie können auch helfen, wenn Menschen negative Vorurteile über sich selbst übernommen haben. So entsteht mehr Verständnis und mehr gesellschaftlicher Raum für Menschen mit psychischen Erkrankungen und ihre Familien.
Dierinck bezieht sich dabei auch auf die Darstellung von Mölders und anderen aus dem Jahr 2017.
Bedeutung für Kiezmachen
Beim Kiezmachen sind Multilog-Gruppen ein gemeinsames Gesprächsangebot. Weitere Angebote sind Kiezgespräche und eine Nachbarschaftshotline.
Im Multilog kommen Menschen mit Psychiatrieerfahrung, Angehörige, Nachbarn, Fachkräfte und Peers zusammen. Peers bringen eigenes Erfahrungswissen ein. Gemeinsam denken die Beteiligten über Erfahrungen nach.
So werden Vorurteile an konkreten Erfahrungen bearbeitet. Es bleibt nicht bei einer allgemeinen Kampagne gegen Vorurteile.
Bücher und Quellen
Dierinck, P. (2023). Community-based mental healthcare for psychosis: From homelessness to recovery and continued in-home support. Routledge. (S. 133–134)
Kal, D. (2001). Kwartiermaken. Werken aan ruimte voor mensen met een psychiatrische achtergrond. Boom.
Mölders, H. (2017). Multiloog: Sprakeloosheid overwinnen. In W. van de Graaf, M. Janssen & H. Mölders (Red.), Versterkende gesprekken: Van monoloog naar dialoog tot multiloog. Emancipatoire gesprekken rond zorg en welzijn (2., überarb. Aufl., S. 81–102). Uitgeverij Tobi Vroegh.
Kal, D. (2022). Gastfreundschaft. Das niederländische Konzept Kwartiermaken. Psychiatrie Verlag. (Kap. 4.5, S. 116 ff.)
