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Begriff

Sozialraum

Ein Sozialraum besteht aus Orten, Beziehungen und Möglichkeiten im Alltag. Entscheidend ist, ob Menschen dort dazugehören, Kontakte haben und ihr Leben mitgestalten können.

Mehr als ein Gebiet auf der Karte

Ein Sozialraum ist nicht einfach ein Stadtteil oder ein Wohngebiet. Dazu gehören auch Treffpunkte, Einrichtungen, Wege und Beziehungen. Regeln, Netzwerke, Hindernisse und Möglichkeiten prägen ihn ebenfalls.

Ein Sozialraum kann eine Nachbarschaft oder eine Einrichtung sein. Er kann auch durch ein Netzwerk sichtbar werden. Er umfasst Orte, an denen Menschen handeln, und Orte, die für sie eine besondere Bedeutung haben.

Sozialraum hat immer zwei Seiten: Es gibt wirkliche Gebäude, Straßen und Plätze. Zugleich kommt es darauf an, was Menschen dort tun und erleben. Beziehungen, Erinnerungen und Gewohnheiten geben Orten Bedeutung. Auch Macht und Ausschluss bestimmen, wer einen Ort nutzen und dort mitwirken kann.

Was das für Unterstützung bedeutet

Eine Liste mit Angeboten im Bezirk beschreibt noch nicht, ob Menschen wirklich teilhaben können. Für die dialogische Entscheidungsfindung und die Begleitung bei Recovery sind andere Fragen entscheidend:

  • Kommen die Menschen an diesen Orten tatsächlich vor?
  • Sind sie willkommen?
  • Können sie Beziehungen aufbauen?
  • Gewinnen sie eigene Möglichkeiten zum Handeln?
  • Werden Hindernisse abgebaut?

Recovery meint den eigenen Weg zu einem guten Leben nach oder mit seelischen Belastungen. Dafür zählt das tatsächliche Leben im Umfeld, nicht nur das Vorhandensein von Angeboten.

Orte und Zusammenleben beeinflussen einander

Kessl und Reutlinger beschreiben den Sozialraum als ein Geflecht, das durch menschliches Handeln immer wieder entsteht und verändert wird. Raum ist deshalb weder nur ein Gebiet noch nur eine Vorstellung.

Gebäude und örtliche Grenzen wirken mit sozialen Beziehungen zusammen. Dazu kommen die materiellen Lebensbedingungen, die Sichtweisen der Menschen, Machtverhältnisse und Gewohnheiten. All dies prägt, was Menschen an einem Ort tun können.

Dieser Gedanke wird bei Kessl und Reutlinger 2022 auf den Seiten 3, 7, 12 sowie 28 und der folgenden Seite erläutert.

Das Umfeld in die Unterstützung einbeziehen

Röh und Meins beschreiben Sozialraum als menschlichen Handlungsraum. Darin gibt es Ressourcen, also nutzbare Fähigkeiten und Hilfen. Es gibt aber auch Barrieren, also Hindernisse für Teilhabe. Hilfen sollen nutzbar werden, Hindernisse sollen abgebaut werden.

Unterstützung soll deshalb die natürliche, kulturelle und soziale Umgebung berücksichtigen. Auch Regeln und Strukturen gehören dazu. Sozialraumorientierte Arbeit gestaltet Beziehungen, örtliche Abläufe und Strukturen mit. Sie verbindet damit die Unterstützung der einzelnen Person mit ihrem Lebensumfeld.

Diese Gedanken stehen bei Röh und Meins 2021 auf Seite 13 sowie auf den Seiten 41, 46 und 79.

Die Sicht der Menschen vor Ort verstehen

Boettner betont: Menschen leben nicht als isolierte Einzelpersonen. Sie leben mit anderen zusammen und in einer Umgebung mit eigenen Bedeutungen und materiellen Bedingungen.

Soziale Arbeit soll deshalb sichtbar machen, was bereits vorhanden ist: Hilfen und Netzwerke, Fähigkeiten für den Alltag, Wünsche nach Mitbestimmung und Lösungen, die Menschen selbst entwickelt haben.

Es reicht nicht, einen Ort von außen als Wohngebiet oder Problemgebiet zu beschreiben. Wichtig ist die Frage: Wie erleben die Menschen selbst ihren Raum?

Sozialraumarbeit soll außerdem prüfen, ob sie neue Räume öffnet. Sie darf Menschen nicht auf ein eng begrenztes örtliches Umfeld festlegen. Boettner behandelt diese Fragen 2009 auf den Seiten 260 und 261, 271 und 272 sowie 284.

Netzwerke können verbinden und ausschließen

Früchtel und Budde betonen: Unterstützung darf eine einzelne Person nicht von ihrem Umfeld getrennt betrachten. Hilfe kann aus vielen Bereichen kommen: Familie, Freundeskreis, Nachbarschaft, Vereine, Arbeit, Kirchengemeinde, Initiativen und öffentliche Angebote.

Netzwerke verbinden diese Bereiche. Sie können aber auch Grenzen zwischen Gruppen schaffen. Dadurch erleben Menschen einen Sozialraum eher als offen oder eng, als vertraut oder fremd. Diese Netzwerkperspektive steht bei Früchtel und Budde 2006 auf den Seiten 201 und 204.

Nachbarschaft als gemeinsamer Raum

Dörner nennt die Nachbarschaft den dritten Sozialraum. Sie liegt zwischen dem privaten Leben und der Öffentlichkeit. Menschen werden hier füreinander sichtbar und übernehmen Verantwortung.

Hilfe muss dabei nicht nur aus der Familie oder von Fachkräften kommen. Nachbarinnen und Nachbarn können ebenfalls unterstützen. Nicht alle müssen gleich viel geben: Wer etwas beitragen kann, tut das. Wer Hilfe braucht, soll sie bekommen.

Die Nachbarschaft ist damit Lebensraum und ein kleiner Ort demokratischer Selbstverwaltung. Dörner erklärt das 2007 auf den Seiten 92 bis 96.

Auch kurze Kontakte zählen

In der Gemeindepsychiatrie zeigt sich: Manche unterstützten Menschen haben regelmäßige kurze Kontakte in ihrer Nachbarschaft. Diese Kontakte können Halt geben, obwohl Fachkräfte sie oft nicht bemerken.

Solche Beziehungen können bewusst gefördert werden. Der Text Beziehungen, nicht Adressen beschreibt diese Form von Einbindung in die Nachbarschaft.

Bücher und Quellen

Boettner, J. (2009). Sozialraumanalyse - soziale Räume vermessen, erkunden, verstehen. In B. Michel-Schwartze (Hrsg.), Methodenbuch Soziale Arbeit. Basiswissen für die Praxis (S. 259-291). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Dörner, K. (2007). Leben und sterben, wo ich hingehöre: Dritter Sozialraum und neues Hilfesystem. Neumünster: Paranus.

Früchtel, F., & Budde, W. (2006). Wie funktioniert fallunspezifische Ressourcenarbeit? Sozialraumorientierung auf der Ebene von Netzwerken. In W. Budde, F. Früchtel & W. Hinte (Hrsg.), Sozialraumorientierung. Wege zu einer veränderten Praxis (S. 201-218). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Kessl, F., & Reutlinger, C. (Hrsg.). (2022). Sozialraum: Eine elementare Einführung. Wiesbaden: Springer VS.

Röh, D., & Meins, A. (2021). Sozialraumorientierung in der Eingliederungshilfe. München: Ernst Reinhardt Verlag.

Seckinger, M., & Neumann, O. (2019). Sozial- und Gemeindepsychiatrie als sozialraumbezogenes Handlungsfeld. In F. Kessl & C. Reutlinger (Hrsg.), Handbuch Sozialraum. Grundlagen für den Bildungs- und Sozialbereich (2. Aufl., S. 519–537). Springer VS.