Vielfältige Zugehörigkeiten
Menschen gehören gleichzeitig unterschiedlichen Gruppen an und übernehmen verschiedene Rollen. Beruf, Sprache, Religion, politische Überzeugungen, Beziehungen oder Interessen können Teil ihres Selbstverständnisses sein. Welche Zugehörigkeit in einer Situation wichtig ist, steht nicht ein für alle Mal fest.
In Die Identitätsfalle kritisiert Sen die Vorstellung, Menschen ließen sich eindeutig einer einzigen Kultur, Religion oder Nation zuordnen. Wer eine solche Zuordnung absolut setzt, blendet andere Gemeinsamkeiten und Wahlmöglichkeiten aus. Sen verbindet damit eine Kritik an Ausgrenzung und Gewalt (Sen, 2020).
Die Anerkennung mehrerer Zugehörigkeiten eröffnet Raum für begründete Entscheidungen: Menschen können sich mit ihren Bindungen auseinandersetzen und deren Bedeutung gewichten. Eine einzelne Identität soll ihnen nicht von außen als alles bestimmend auferlegt werden (Sen, 2014).
Bezug zu Recovery
Im CHIMEplus-Text von konsent.one wird dieser Gedanke ausdrücklich auf Identität jenseits von Diagnose und Krise bezogen. Eine Person kann Krankheitserfahrungen haben und zugleich Angehörige, Freundin, Handwerkerin oder politisch engagiert sein. Ihre Geschichte umfasst mehr als die Rolle, unter der sie im Hilfesystem bekannt ist.
Dieser Bezug ist eine Übertragung auf Recovery: Sens Argument selbst behandelt die gesellschaftliche und politische Bedeutung vielfältiger Zugehörigkeiten. Für die Praxis regt es dazu an, die Selbstbeschreibungen der Person ernst zu nehmen und Raum für unterschiedliche Rollen, Beziehungen und Interessen zu lassen.
Verwandte Zettel
Literatur
Sen, A. (2014). Justice and identity. Economics & Philosophy, 30(1), 1–10. https://doi.org/10.1017/S0266267114000017
Sen, A. (2020). Die Identitätsfalle: Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt (4. Aufl.). C. H. Beck.
