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Theorie

Broaden-and-Build-Theorie

Angenehme Gefühle können den Blick für neue Möglichkeiten öffnen. Die Broaden-and-Build-Theorie erklärt, wie daraus längerfristig hilfreiche Fähigkeiten und Beziehungen entstehen können.

Woher die Theorie kommt

Barbara Fredrickson entwickelte die Theorie Ende der 1990er-Jahre. In Veröffentlichungen von 2001 und 2004 arbeitete sie ihre Gedanken genauer aus. Die Theorie ist ein wichtiger Ansatz der Positiven Psychologie.

Sie beschäftigt sich mit Gefühlen wie Freude, Interesse, Zufriedenheit und Liebe. Ihr Name beschreibt zwei miteinander verbundene Vorgänge: Broaden heißt erweitern. Build heißt aufbauen.

Broaden: Der Blick wird weiter

Angenehme Gefühle können kurzfristig verändern, wie wir denken und handeln. Verschiedene Gefühle können dabei unterschiedliche Anstöße geben:

  • Freude kann Lust auf Spielen machen.
  • Interesse kann dazu anregen, etwas zu erkunden.
  • Zufriedenheit kann helfen, etwas zu genießen und Erfahrungen einzuordnen.
  • Liebe kann in sicheren, nahen Beziehungen immer wieder all diese Anstöße ermöglichen.

Es geht also um mehr als den Vorsatz, positiv zu denken. Nach der Theorie verarbeiten Menschen Informationen anders und sehen mehr Handlungsmöglichkeiten.

Sie können das größere Ganze leichter wahrnehmen. Sie denken beweglicher, sind offener für neue Erfahrungen und entwickeln eher neue Ideen. Auch Möglichkeiten für Kontakte zu anderen können ihnen eher auffallen.

In Experimenten erlebten manche Teilnehmende Heiterkeit oder Zufriedenheit. Im Vergleich zu anderen Gruppen zeigten sie mehr Kreativität und Einfallsreichtum. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich stärker auf das Gesamtbild.

Warum unangenehme Gefühle oft anders wirken

Viele unangenehme Gefühle verengen zunächst den Blick. Bei Angst, Wut oder Trauer geht es häufig um die unmittelbare Belastung. Bestimmte Handlungen rücken in den Vordergrund, zum Beispiel Angriff oder Flucht.

Das kann eine wichtige Funktion haben. Die Theorie stellt dem einen anderen Nutzen angenehmer Gefühle gegenüber: Sie können den Raum für neue Gedanken und Handlungen erweitern.

Build: Es entstehen längerfristige Stärken

Wer öfter spielt, Neues erkundet oder andere offene Erfahrungen macht, kann neue Fähigkeiten und Beziehungen entwickeln. Diese können bleiben, auch wenn das angenehme Gefühl längst vorbei ist.

Die Theorie unterscheidet mehrere Arten solcher Ressourcen. Ressourcen sind Kräfte und Möglichkeiten, auf die ein Mensch zurückgreifen kann:

  • Soziale Ressourcen: Vertrauen, Nähe, Bindung und unterstützende Freundschaften.
  • Psychologische Ressourcen: Zuversicht, Achtsamkeit, ein gutes Leben und die Fähigkeit, sich nach Belastungen zu erholen. Diese Erholungsfähigkeit wird auch Resilienz genannt.
  • Geistige Ressourcen: Lernen, Kreativität, bewegliches Denken und Wissen darüber, wie man Probleme lösen kann.
  • Körperliche Ressourcen: Einige Studien finden günstige Zusammenhänge mit Gesundheit und mit der Regulation durch den Vagusnerv. Dieser Nerv ist an der Steuerung körperlicher Vorgänge beteiligt.

Solche Ressourcen können später bei Belastungen helfen. Untersuchungen über längere Zeit zeigen, dass positive Gefühle unter anderem Resilienz und Wohlbefinden aufbauen können.

Fredrickson nennt dies eine Aufwärtsspirale. Angenehme Gefühle helfen beim Aufbau von Ressourcen. Diese Ressourcen können wiederum angenehme Erfahrungen und Gefühle begünstigen. Beides kann sich über die Zeit gegenseitig stärken.

Was die Theorie nicht verlangt

Die Theorie erklärt einen zusätzlichen Nutzen angenehmer Gefühle. Sie bedeutet nicht, dass Angst, Wut oder Trauer schlecht oder überflüssig wären. Solche Gefühle können schützen und auf wichtige Probleme hinweisen.

Probleme verschwinden nicht einfach durch eine positive Einstellung. Die Aufforderung „Sei doch einfach positiv“ lässt sich deshalb nicht mit der Theorie rechtfertigen.

Diese Grenze ist in der Begleitung von Menschen mit psychiatrischen Diagnosen besonders wichtig. Auch in der Eingliederungshilfe braucht es Raum für belastende Erfahrungen.

Slade schrieb 2010, dass Methoden der Positiven Psychologie bisher wenig Platz in der Recovery-Arbeit hätten. Er sah zugleich die Möglichkeit, den Ansatz damit zu ergänzen. Vor allem der Aufbau von Schutzfaktoren und persönlichen Ressourcen passt zu Themen, die auch CHIME beschreibt.

Der Kerngedanke

Angenehme Gefühle können kurzfristig mehr Möglichkeiten sichtbar machen. Wiederholte Erfahrungen dieser Art können längerfristig hilfreiche Fähigkeiten und Beziehungen aufbauen.

Bücher und Quellen

Fredrickson, B. L. (2001). The role of positive emotions in positive psychology: The broaden-and-build theory of positive emotions. American Psychologist, 56(3), 218–226. https://doi.org/10.1037/0003-066x.56.3.218

Fredrickson, B. L. (2004). The broaden-and-build theory of positive emotions. Philosophical Transactions of the Royal Society of London. Series B: Biological Sciences, 359(1449), 1367–1378. https://doi.org/10.1098/rstb.2004.1512

Slade, M. (2010). Mental illness and well-being: The central importance of positive psychology and recovery approaches. BMC Health Services Research, 10(26). https://doi.org/10.1186/1472-6963-10-26