Einordnung
65-Prozent-Barriere
Martin Seligman nennt eine Grenze der Behandlung die „65-Prozent-Barriere“. Er fordert: Psychologie soll Beschwerden lindern und zugleich ein gutes Leben fördern.
Was Seligman mit der Barriere meint
Der Ausdruck stammt von Martin Seligman. Er ist kein allgemein anerkannter Fachbegriff. Seligman schrieb 2006 ein eigenes Kapitel darüber. In seinem Buch Flourish erklärt er den Gedanken genauer. Die deutsche Ausgabe von 2012 spricht auf den Seiten 74 bis 77 von einer „Schranke“ oder „Barriere“.
Seligman fragt: Warum kann eine Behandlung Beschwerden verringern, ohne dass Menschen sich wirklich wohlfühlen? Seine Antwort lautet: Es reicht nicht, nur Beschwerden abzubauen. Menschen brauchen auch Hoffnung, Stärken, Beziehungen und Sinn.
Was die Zahlen aussagen sollen
Seligman betrachtet die Behandlung von Depressionen. Er bezieht sich auf kognitive Therapie und auf Medikamente aus der Gruppe der SSRI. Die kognitive Therapie arbeitet unter anderem an belastenden Denkweisen. SSRI sind eine Gruppe von Medikamenten gegen Depressionen.
Nach Seligmans Zusammenfassung liegt die Linderung im Durchschnitt bei 65 Prozent. Das ist ein gemeinsamer Durchschnitt für Psychotherapie und Medikamente. Es sind keine zwei getrennt ermittelten Werte.
Daneben nennt er einen Placeboeffekt von 45 bis 55 Prozent. Dabei geht es um Besserungen, die auch bei einer Behandlung ohne den untersuchten Wirkstoff auftreten. Den zusätzlichen Nutzen der Medikamente beziffert er auf höchstens ungefähr 20 Prozentpunkte. Er selbst hält auch diese Schätzung für eher zu hoch.
Seligman stützt sich dabei auf zwei Arbeiten:
- Kirsch und sein Forschungsteam schrieben 2002 etwa 82 Prozent der Medikamentenwirkung dem Placeboeffekt zu.
- Fournier und sein Forschungsteam fanden 2010 bei leichter und mäßiger Depression keine verlässliche Wirkung der Medikamente.
Seligman verwendet die Zahl 65 auf zwei verschiedene Arten. Einmal geht es darum, wie viele behandelte Menschen eine Besserung erleben. An anderer Stelle geht es darum, um wie viel die Beschwerden einer einzelnen Person abnehmen. Diese Bedeutungen darf man nicht verwechseln.
Seine Schlussfolgerung
Seligman kritisiert eine Psychologie, die vor allem Beschwerden verringern will. Nach seiner Darstellung lindern Psychopharmaka nur Symptome. Auch Gesprächstherapien beschreibt er als anstrengend. Die erreichten Veränderungen würden sich zu wenig selbst verstärken. Nach dem Ende der Behandlung könne ihre Wirkung wieder nachlassen.
Das sind Seligmans Aussagen und seine Deutung. Daraus entwickelt er ein zweites Ziel: Psychologie soll auch Fähigkeiten, persönliche Stärken und Wohlbefinden aufbauen. Dies ist die Aufgabe, die er der Positiven Psychologie gibt. Sie soll die klinische Psychologie ergänzen. Sie soll sie nicht ersetzen.
Warum die Zahl vorsichtig verwendet werden muss
65 Prozent sind keine sicher feststehende Grenze für die Wirkung von Psychotherapie. Seligman fasst damit seine Sicht auf die Forschung um 2006 und 2011 zusammen. Er will zugleich für eine neue Ausrichtung der Psychologie werben. Die Zahl ist daher nicht das gesicherte Ergebnis einer umfassenden gemeinsamen Auswertung aller Behandlungsstudien.
Auch die beiden genannten Untersuchungen wurden in der Fachwelt stark diskutiert. Sie betreffen Medikamente gegen Depressionen. Daraus lässt sich keine allgemeine Aussage über die Wirkung jeder Psychotherapie ableiten.
Der Begriff kann beim Nachdenken helfen: Wo liegen die Grenzen, wenn eine Behandlung nur auf Beschwerden schaut? Er eignet sich aber nicht als Beleg für eine feste Erfolgsquote.
Die Verbindung zu Recovery
Recovery und Seligmans Ansatz haben einen gemeinsamen Gedanken: Weniger Beschwerden allein sind noch kein gutes Leben. Ihre Ausgangspunkte unterscheiden sich aber.
Seligman fragt nach der Wirkung von Behandlungen. Er sagt: Wohlbefinden muss als weiteres Ziel hinzukommen. Recovery geht von den Erfahrungen betroffener Menschen aus. Auch mit anhaltenden Beschwerden kann ein Mensch ein gutes Leben führen. Hoffnung, Identität, Verbundenheit, Sinn und Selbstbestimmung gehören dazu.
Resnick und Rosenheck beschrieben diese Verbindung 2006. Slade griff sie 2010 auf. Beide Ansätze können einander ergänzen.
Für die Begleitung im Alltag bedeutet das: Ein Mensch soll eigene Wirkung erleben, tragfähige Beziehungen haben und sinnvolle Ziele verfolgen können. Auch die eigenen Werte und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verdienen Aufmerksamkeit. Diese Dinge sind eigenständige Ziele. Sie sollen nicht erst als Nebenwirkung einer Behandlung entstehen.
Bücher und Quellen
Fournier, J. C., DeRubeis, R. J., Hollon, S. D., Dimidjian, S., Amsterdam, J. D., Shelton, R. C. & Fawcett, J. (2010). Antidepressant drug effects and depression severity: A patient-level meta-analysis. JAMA, 303(1), 47-53. https://doi.org/10.1001/jama.2009.1943
Kirsch, I., Moore, T. J., Scoboria, A. & Nicholls, S. S. (2002). The emperor's new drugs: An analysis of antidepressant medication data submitted to the U.S. Food and Drug Administration. Prevention & Treatment, 5(1), Artikel 23. https://doi.org/10.1037/1522-3736.5.1.523a
Resnick, S. G. & Rosenheck, R. A. (2006). Recovery and positive psychology: Parallel themes and potential synergies. Psychiatric Services, 57(1), 120-122. https://doi.org/10.1176/appi.ps.57.1.120
Seligman, M. E. P. (2006). Afterword: Breaking the 65 percent barrier. In M. Csikszentmihalyi & I. S. Csikszentmihalyi (Hrsg.), A life worth living: Contributions to positive psychology (S. 230-236). Oxford University Press.
Seligman, M. (2012). Flourish - Wie Menschen aufblühen: Die Positive Psychologie des gelingenden Lebens (S. Schuhmacher, Übers.). Kösel.
Slade, M. (2010). Mental illness and well-being: The central importance of positive psychology and recovery approaches. BMC Health Services Research, 10, 26. https://doi.org/10.1186/1472-6963-10-26
