Der Begriff
„Schlichte Aktivitäten“ ist eine eigene Zuspitzung, keine feststehende Fachbezeichnung. Die Sache dahinter stammt aus einem systematischen Review zu Hoffnung bei Menschen mit psychischen Erkrankungen: Befragte beschreiben dort selbst, was ihre Hoffnung gestärkt hat (Schrank et al., 2012, S. 560).
Was Betroffene nennen
Genannt werden unter anderem:
- für sie selbst bedeutungsvolle Bilder oder Symbole
- die aktive Veränderung negativer Gedanken
- Gespräche über Hoffnung
- der Aufbau sozialer Netzwerke und Kontakte
- Fernsehsendungen über die Erfahrungen anderer Menschen mit Behinderungen
- die Entwicklung von Alltagsroutinen und realistische Zielsetzungen
Das ist eine bemerkenswerte Liste: Nichts davon ist ein Verfahren, nichts davon braucht eine Zertifizierung, und fast nichts davon lässt sich abrechnen.
Die Leerstelle in den Interventionstypologien
Wenn Fachliteratur Recovery-Interventionen ordnet, erscheinen dort WRAP, Recovery Colleges, Peer-Unterstützung, REFOCUS — also benennbare, evaluierbare Programme. Die von Betroffenen selbst beschriebenen schlichten Aktivitäten tauchen in solchen Typologien nicht auf. Das ist kein Zufall: Was kein Programmname hat, wird nicht gezählt.
Für die Eingliederungshilfe ist das folgenreich. Die Hilfeplanung fragt nach Maßnahmen und Zielen; sie hat kaum eine Sprache für „hat wieder Radio gehört“ oder „hat das Bild der Schwester aufgehängt“. Der Begriff dient dazu, diesen Dingen überhaupt einen Platz im Gespräch zu geben.
Verwandte Gedanken
Derselbe Kern taucht in der Recovery-Bewegung unter anderem Namen auf: Personal Medicine meint das, was Menschen selbst tun, um gesund zu werden und zu bleiben — mit dem Hund rausgehen, im Chor singen, abends lesen (Deegan, 2005). Entdeckt wird es über eine einfache Frage: Was tust du bereits, das dir hilft — und wie hilft es? In der achtsamkeitsbasierten Recovery werden solche Tätigkeiten als achtsame Aktivitäten gerahmt. Der Grundsatz „Alltag zuerst“ macht daraus einen Ausgangspunkt (siehe Alltag).
Grenzen
Schlichte Aktivitäten sind nicht zu romantisieren. Drei Einschränkungen:
- In Krisen brechen sie zuerst weg. Betroffene berichten, dass ihnen gerade alltägliche Fertigkeiten und Routinen verloren gehen — oft weit über die Krise hinaus (Borg et al., 2011, S. 5-7). Sie sind also nicht immer verfügbar, wenn sie am meisten gebraucht würden.
- Sie ersetzen nichts. Weder Behandlung noch Krisenhilfe noch Nachsorge. Sie sind eine Ergänzung, kein Sparmodell.
- Sie lassen sich nicht verordnen. Sobald eine schlichte Aktivität zur Maßnahme wird, verliert sie genau das, was sie trägt: dass sie der Person selbst gehört (siehe Eigensinn und Selbstbestimmung).
Verwandte Zettel
Literatur
Borg, M., Karlsson, B., Lofthus, A.-M., & Davidson, L. (2011). „Hitting the wall“: Lived experiences of mental health crises. International Journal of Qualitative Studies on Health and Well-Being, 6(4), 7197. https://doi.org/10.3402/qhw.v6i4.7197
Deegan, P. E. (2005). The importance of personal medicine: A qualitative study of resilience in people with psychiatric disabilities. Scandinavian Journal of Public Health, 33(Suppl. 66), 29–35. https://doi.org/10.1080/14034950510033345
Schrank, B., Bird, V., Rudnick, A., & Slade, M. (2012). Determinants, self-management strategies and interventions for hope in people with mental disorders: Systematic search and narrative review. Social Science & Medicine, 74(4), 554–564. https://doi.org/10.1016/j.socscimed.2011.11.008
