Begriff
Schlichte Aktivitäten
Schlichte Aktivitäten sind kleine Dinge im Alltag, die einem Menschen Hoffnung und Halt geben können. Was hilft, bestimmt sich aus der Erfahrung der Person selbst.
Kleine Dinge können wichtig sein
Ein Foto aufhängen, Musik hören oder jemanden anrufen: Solche Tätigkeiten können unscheinbar wirken. Trotzdem beschreiben Menschen, dass ihnen diese Dinge Hoffnung geben. Auch jeden Tag zur gleichen Zeit aufzustehen kann dazugehören.
„Schlichte Aktivitäten“ ist in diesen Texten eine eigene Bezeichnung. Es ist kein feststehender Fachbegriff. Gemeint ist etwas, das auch die Forschung beschreibt: Menschen mit psychischen Erkrankungen sagen selbst, was ihre Hoffnung gestärkt hat.
Eine systematische Übersicht von Schrank und anderen aus dem Jahr 2012 hat solche Berichte zusammengetragen.
Was Menschen als hilfreich beschreiben
Die Übersicht nennt unter anderem:
- Bilder oder Symbole, die für die Person eine eigene Bedeutung haben.
- Negative Gedanken bewusst verändern.
- Über Hoffnung sprechen.
- Kontakte und unterstützende Beziehungen aufbauen.
- Fernsehsendungen über Erfahrungen anderer Menschen mit Behinderungen ansehen.
- Vertraute Abläufe im Alltag entwickeln.
- Sich Ziele setzen, die erreichbar sind.
Das sind keine festgelegten Behandlungsprogramme. Dafür braucht eine Person keine besondere Bescheinigung. Fast nichts davon lässt sich als einzelne professionelle Leistung abrechnen.
Warum diese Dinge leicht übersehen werden
Fachtexte ordnen Hilfen für Recovery häufig nach benannten Programmen. Dort finden sich zum Beispiel WRAP, Recovery Colleges, Peer-Unterstützung und REFOCUS. Solche Programme können als eigene Angebote untersucht und bewertet werden.
Die kleinen Tätigkeiten aus dem Alltag erscheinen in solchen Übersichten oft nicht. Was keinen Programmnamen hat, wird leicht nicht mitgezählt.
Das betrifft auch die Eingliederungshilfe. In der Hilfeplanung wird nach Maßnahmen und Zielen gefragt. Für Sätze wie „Die Person hat wieder Radio gehört“ oder „Sie hat das Bild ihrer Schwester aufgehängt“ gibt es dort wenig Raum.
Der Begriff „schlichte Aktivitäten“ soll helfen, auch diese Erfahrungen im Gespräch ernst zu nehmen.
Verwandte Ideen
Patricia Deegan verwendet den Ausdruck „Personal Medicine“. Damit meint sie, was Menschen selbst tun, um gesund zu werden und zu bleiben. Beispiele sind: mit dem Hund hinausgehen, im Chor singen oder abends lesen.
Eine hilfreiche Frage lautet: „Was tust du bereits, das dir hilft? Und wie hilft es dir?“
In der achtsamkeitsbasierten Recovery werden solche Tätigkeiten als achtsame Aktivitäten betrachtet. Der Grundsatz „Alltag zuerst“ macht sie zum Ausgangspunkt. Dazu gehört der Zettel Alltag.
Drei wichtige Grenzen
Erstens: Gerade in Krisen können alltägliche Fähigkeiten und vertraute Abläufe verloren gehen. Betroffene berichten, dass das oft lange über die Krise hinaus anhält. Die hilfreiche Tätigkeit steht also nicht immer zur Verfügung, wenn sie besonders gebraucht würde.
Zweitens: Schlichte Aktivitäten ersetzen weder Behandlung noch Krisenhilfe noch Unterstützung nach der Krise. Sie ergänzen diese Hilfen. Sie sind kein Grund, notwendige Unterstützung einzusparen.
Drittens: Sie lassen sich nicht einfach verordnen. Wird die Tätigkeit zu einer vorgegebenen Maßnahme, kann sie ihren persönlichen Wert verlieren. Wichtig ist, dass sie der Person selbst gehört. Darum spielen Eigensinn und Selbstbestimmung eine Rolle.
Bücher und Quellen
Borg, M., Karlsson, B., Lofthus, A.-M., & Davidson, L. (2011). „Hitting the wall“: Lived experiences of mental health crises. International Journal of Qualitative Studies on Health and Well-Being, 6(4), 7197. https://doi.org/10.3402/qhw.v6i4.7197
Deegan, P. E. (2005). The importance of personal medicine: A qualitative study of resilience in people with psychiatric disabilities. Scandinavian Journal of Public Health, 33(Suppl. 66), 29–35. https://doi.org/10.1080/14034950510033345
Schrank, B., Bird, V., Rudnick, A., & Slade, M. (2012). Determinants, self-management strategies and interventions for hope in people with mental disorders: Systematic search and narrative review. Social Science & Medicine, 74(4), 554–564. https://doi.org/10.1016/j.socscimed.2011.11.008
